Vor 60 Jahren endet die Pferdemarkt-Tradition

„Pferdemarkt“ in Bottrop.  Das wird heute wieder einige tausend Menschen in die Stadt locken – selbst ohne verkaufs-offenen Sonntag des Einzelhandels. Das macht deutlich: Mit der alten Bottroper Handelstradition haben die „Pferdemärkte“ von heute nichts mehr zu tun. Was ist der „Pferdemarkt“ denn dann? Um das zu erforschen, kommen Sie mit auf eine Zeitreise: Im Galopp durch die Bottroper Marktgasse der vergangenen Jahrhunderte.

Gehandelt wird in Bottrop – wie überall auf der Welt – natürlich schon seit Jahrtausenden. Aber erst 1432 wird der hiesige Markt erstmals in einer Urkunde erwähnt. Bis 1770 findet er einmal im Jahr statt. Und zwar am Samstag und Sonntag nach Michaelis Ende September. Doch verkaufsoffene Sonntage sind schon zu jener Zeit nicht unumstritten. Allerdings wird damals darüber nicht lange diskutiert, sondern es werden Nägel mit Köpfen gemacht: Der Kurfürst von Köln, zuständig für Bottrop und dessen Märkte, verbietet 1770 den Markt, weil er der Kirche nicht mehr in den Kram passt. Was dann geschieht, kommt den Bottropern der Jetztzeit sehr bekannt vor: Termin-Chaos. Bottrop verlegt den Viehmarkt nämlich auf den Dienstag und den Warenmarkt auf den Mittwoch nach Michaelis – ohne zu berücksichtigen, dass in der Nachbarschaft zum gleichen Zeitpunkt auch schon Markt ist. In Sterkrade. Und die Leute dort dürfen während ihres Marktes sogar „Spiele und Dantzen“ veranstalten, was den Bottroper verboten ist. Das versetzt dem hiesigen Markt natürlich einen Tiefschlag: Nicht nur die Pferdehändler sind damals sauer (Foto oben: ihr Denkmal auf dem Pferdemarkt, etwas unterkühlt).

Erst 1783 hat der Kirchenfürst in Köln ein Einsehen und spendiert den damals genau 1661 Einwohnern des Dorfes Bottrop ein Bonbon: Sie dürfen am 28. und 29. April einen zusätzlichen Markt organisieren – mit allem, was an „Lustbarkeiten“ vor gut 200 Jahren so üblich ist. Die eigentliche Glanzzeit der Bottroper Märkte – um 1800 kommen das Fastnachtsmarkt und der Cyriakus-Markt (9. August) hinzu – beginnt aber erst nach den vielen Kriegswirren, die mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon enden. Ab 1822 geht es ständig bergauf. Der damalige Bürgermeister Tourneau, der das Dorf rund 50 Jahre führte und an den heute eine Nebenstraße der Kirchhellener Straße in Nähe des Rathauses erinnert, erklärt den Erfolg des Marktplatzes Bottrop so: „Die Ursache dafür liegt in der günstigen Lage. Der Kreis Recklinghausen, auf Ackerbau und Viehzucht beschränkt, kann hier seine Producte in der Rheingegend absetzen.“ Die gute Verkehrslage an der Land- und Poststraße Münster–Düsseldorf lockt Händler nicht nur aus dem Vest Recklinghausen und vom Niederrhein, sondern sogar aus Köln.

Was heute erstaunt, hat der Geschichtsforscher Wilfried Krix 2009 in seiner Schrift über das Bottroper Markt- und Kirmeswesen (Schriftenreihe „Geschichtsstunde“, Stadtarchiv) so erläutert: Angesichts der heutigen Einwohnerzahlen der Ruhrgebietsstädte klingt es ungewöhnlich, dass Bottrop noch im 18. Jahrhundert mehr Einwohner hat als zum Beispiel Gelsenkirchen oder Oberhausen.

Die große Bedeutung des Marktplatzes Bottrop zeigt sich auch an Zahlen. Im November 1827 sind auf dem erstmals veranstalteten Herbstmarkt 320 Buden mit Waren aller Art zu finden. Hinzu kommen 1023 Ferkel, 568 Schweine, 469 Rinder, 365 Kühe, 156 Füllen und 310 Pferde. Auf dem “Pferdemarkt” 2011 sind heute gut 20 Pferde zu sehen sein.

Der Viehmarkt schlängelt sich damals übrigens an der heutigen Kirchhellener Straße entlang. Der Krammarkt, der keinen „Kram“ in unserem Sinne, sondern Waren aller Art anbietet, hat seinen Platz rund um die Cyriakuskirche – also dort, wo der Wochenmarkt nach seiner Verdrängung vom Berliner Platz seit 2007 stattfindet (Foto unten). Mehr noch: Reicht der Platz nicht aus, wird der Markt 1827 – wie heute – auch auf der Straße bis zum Pferdemarkt sowie auf der Hansastraße und auf der Horster Straße aufgebaut.

Bottrops Prestige als damals führender Marktplatz in der Region hätte sogar fast unsere Gegenwart nachhaltig verändert. 1840 kommt aus dem östlichen Nachbardorf Horst die Bitte, nach Bottrop eingemeindet zu werden. Zu groß ist bei den Horstern offenbar der Frust über ihre Obrigkeit, die in der Bürgermeisterei Buer sitzt. Durch einen taktischen Fehler der Bottroper Dorfspitze wird aus diesem Vorhaben aber leider nichts.

Mit dem Beginn der Industrialisierung der Region ab 1850 schrumpft die Bedeutung der Märkte. 1887 beschließt der Gemeinderat, die Jahrmärkte – also die Karnevals- und die Herbstkirmes – zu erhalten. Auch die jährlichen Vieh- und Pferdemärkte finden weiter statt: zunächst auf dem Pferdemarkt, später auf dem Trappenkamp (heute ZOB/Berliner Platz). Der Kuh- und Rindermarkt verschwindet schon um 1920. Der Pferde- und Viehmarkt wird aber noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieg 1939 organisiert.

Das Wirtschaftswunder nach 1950 geht am Pferde- und Viehmarkt jedoch vorbei. Der Neustart der Märkte wird schon 1953 wegen einer Kinderlähmungsepidemie jäh gestoppt. Obwohl der Markt 1955 wieder stattfinden soll, kommt kein Viehhändler nach Bottrop. Die Bürger ziehen es nun vor, ihr Fleisch beim Metzger pfundweise zu kaufen – und nicht mehr am lebenden Stück.

Einigen Kaufleuten, die an der Unteren Hochstraße zwischen Kirchplatz und Essener Straße angesiedelt sind, ist es zu verdanken, dass die Pferdemarkt-Idee als “typisch für Bottrop” aufgegriffen wird. Sie veranstalten ab 1984 im Mai und im September jeweils samstags einen “Pferdemarkt”, auf dem zwar auch noch das eine oder andere Pferd den Besitzer wechselt. Aber das ist eher Beiwerk, im Mittelpunkt für die Besucher steht die Freude an den Pferden. Und für die Kaufleute ist es ein für Bottrop bis heute einzigartiger Marketing-Coup, der immer wieder viele zehntausend Menschen in die City führt. Bei geöffneten Geschäften und dem am Samstag jeweils gleichzeitig laufenden Wochenmarkt, brummt es in der Bottroper City nur so.

Seit einigen Jahren ist das Stadtmarketing für den “Pferdemarkt” zuständig. Er findet nur noch einmal im Jahr statt. Und zwar sonntags bei geschlossenen Geschäften. Das provoziert immer wieder Kommentare wie diesen, beim letzten “Pferdemarkt” von einem Besucher aus Duisburg gehört: “Dem Bottroper Einzelhandel muss es ja glänzend gehen, wenn der seine möglichen Kunden gegen verschlossene Türen laufen lässt. Oder sind das hier alles nur noch Leerstände?”

Und somit ist klar: Der heutige „Pferdemarkt“, der laut Stadtmarketing-Gesellschaft seit 1925 nicht mehr stattgefunden haben soll und „nach 60jährigen ,Pause’“ 1984 wieder aufgelebt sei, hat mit der geschichtlich belegten, langen Bottroper Markt- und Handelstradition seit rund 60 Jahren direkt nichts mehr zu tun. Der Einzelhandel demonstriert das zudem mit seinen geschlossenen Geschäften. Der “Pferdemarkt” ist inzwischen vielmehr eine beliebte Schau-Veranstaltung, ein schönes Sonntagsvergnügen für Pferdefreunde und seit heute auch für Flohmarkt-Händler. Die haben die Zeichen der Zeit erkannt und sie finden auf dem Berliner Platz viel Zuspruch.

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