Bottroper Ostern 1948: “Biete Trauring, suche Hühner.”

Die BTZ an der Gladbecker Straße hat Hochsaison. Menschenschlangen stehen vor der Tür. BTZ? Das ist die „Bottroper Tausch-Zentrale“. Unter den Bäumen auf dem Trappenkamp (Berliner Platz) ein anderes, alltägliches Bild: In kleinen Menschentrauben stehen sie da, es wird getuschelt, geredet und dann wechseln Waren aller Art den Besitzer. Vor allem Zigaretten. Doch die werden hier nicht als Ware, sondern als Zahlungsmittel angesehen. Hier läuft der Bottroper Schwarzmarkt. Illegaler Handel mit allem, was es (offiziell) nicht gibt. Und damit willkommen zu einer besonderen Zeitreise: Wir sind heute im Jahr 1948.

Es ist kurz vor Ostern. Das letzte große Fest vor der Währungsreform steht bevor. Doch das weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner der 80000 Menschen, die drei Jahre nach Kriegsende im heftig zerstörten Bottrop hausen. Man muss Ostern mit dem feiern, was es gibt. Und das ist wenig. Die Lebensmittel werden von der Militärregierung zugeteilt. Freier Handel findet nicht statt. Einige Bottroper versilbern für eine kleine Festfreude ihre letzten Kostbarkeiten. Viel ist nach drei Jahren Wirtschaftschaos nicht mehr da. Auf Zetteln an Bäumen sind aus heutiger Sicht denn auch seltsame Angebote zu finden. Wie etwa: „Biete Trauring, suche Hühner.“ Oder: „Tausche Fagott gegen Küken.“

Das Federvieh ist der gefragte Renner in den Wochen vor Ostern. Die Menschen suchen die Hühner aber nur selten, um sie als Osterbraten zu verspeisen. Es sind vielmehr die Eier, die die Hühner so begehrt machen. Zwar haben die Lebensmittelämter „mit viel Gegacker“, wie damals eine Bottroper Zeitung schreibt, für die Tage vor Ostern fünf Eier pro Person angekündigt. Doch vier von diesen Eiern haben einen gravierenden Schönheitsfehler: Es gibt sie nur als Trockenei in Form von 50 Gramm Eipulver.

Und damit stehen die Menschen, die für ihre Kinder den Osterhasen spielen wollen, vor dem „Oster-Problem 1948“: Wie färbt und versteckt man Eipulver? Hätte es zu dieser Zeit schon das „Wort des Jahres“ gegeben – der Begriff „Schalenei“ als Gegensatz zum Pulverei hätte sicher gute Chancen für einen der vorderen Plätze gehabt. Wie rar diese Komplett-Eier sind, zeigt ein Blick auf 1947. Im gesamten Jahr hat jeder Bottroper gerade einmal zehn „Schaleneier“ bekommen.

In den zehn Tagen vor Ostern muss jeder Mensch in der Stadt mit 2500 Gramm Brot, 250 Gramm Nährmittel, 250 Gramm Mehl, 100 Gramm Margarine und den besagten „Eiern“ auskommen. Das treibt den Schwarzmarkt natürlich noch weiter an. Und dass die Tauschware immer knapper wird, zeigt sich Tag für Tag im Polizeibericht. Es wird alles geklaut, was sich irgendwie tauschen lässt. So wird einer Bottroper Familie kurz vor Ostern die gesamte Wäsche von der Leine gestohlen. Auf dem Gelände von Arenberg-Fortsetzung verschwinden Holz im Wert von 2000 Reichsmark sowie eine Ladung Mehl. An der Beckstraße werden mehrere Schweine vermisst.

Wenn der eine oder andere Dieb gefasst wird, dann tun sich da für Polizei und Richter oft Abgründe auf. Oft erfährt man das – wegen der noch raren Zeitungen – aber nur von Mund zu Mund, zum Beispiel während eines Osterspaziergangs im Stadtgarten. Wie die Geschichte des Ex-Feldwebels aus Bottrop, der kurz vor Ostern 1948 in Essen vor Gericht steht. In Coesfeld hat er ein Pferd mit anhängendem Milchwagen geklaut, um damit in Bottrop ein Fuhrunternehmen aufzumachen. Doch die Polizei bekommt davon Wind. Der Mann kann aber ein Polizeifahrrad schnappen und fliehen. Mit dem Rad besucht er viele Bauernhöfe, gibt sich dort als französischer Besatzer aus, bedroht die Bauern und erpresst so Speck, Butter, Mehl und Eier. In Kirchhellen lässt er eine „herumstehende“ Kuh mitgehen, klaut in einer Schule die dort untergestellten Möbel eines Beamten, zapft aus einem Tankwagen am Bahnhof Osterfeld-Süd vier Kanister Benzin und montiert die Reifen vom Auto einer Nachbarin ab. Für diese „Kriegswirtschaftsvergehen“ schickt ihn der Richter 21 Monate in den Knast.

Nicht nur Diebe sind in jenen Tagen vor Ostern eine Plage. Selbst fünf Jahre nach einem der größten Bombenangriffe auf Bottrop, im März 1943, ist die Bombengefahr längst nicht gebannt. So wird ein 16-jähriges Mädchen verletzt, als auf der Horster Straße unter einer Straßenbahn eine Bombe hochgeht. Spielende Kinder haben den Blindgänger auf die Schienen gelegt.

Auch ohne solche Zwischenfälle sind die Bomben und ihre Folgen überall gegenwärtig. Wer beim Osterspaziergang zum Beispiel aus dem relativ intakten Stadtgarten kommt, blickt auf ein Marienhospital, das noch arg zerstört ist (Ausriss BVZ rechts). Erstaunlich normal läuft schon das kulturelle Leben ab. Nach der Operette „Victoria und ihr Husar“ gibt es am Gründonnerstag in der wieder hergerichteten Schauburg die „Johannes-Passion“ als „7. Vormietekonzert“. Selbst der Fußball rollt. Am Sonntag vor Ostern wird der VfB Bottrop mit einem 3:2-Sieg über den FC Oberhausen Bezirksmeister. Zu Ostern hat der Meister die Concordia Hamburg zu Gast.

Auch die Tradition, zu Ostern zu heiraten, steht schon wieder in voller Blüte. Nur das Anstoßen mit edlem Tropfen bei so einer Hochzeit ist ein Problem. Selbstgebrannter oder „Likör-Ersatz“ mit Sherry-Geschmack stehen zur Auswahl. Eierlikör-Aroma gibt es gar nicht.

Wer es gewusst hätte, der hätte so eine Hochzeit vielleicht noch um zwei, drei Monate verschoben. Denn als im Juni 1948 die Währungsreform über die Bühne geht, sind die Läden plötzlich mit lang vermissten Waren übervoll. Kaufleute und Krisengewinnler hatten sie monatelang gehortet, um sie gegen das neue, „das gute Geld“ zu verkaufen. Die Rechnung geht für die Händler meist auf.

Und was nimmt man von einer Reise in eine so weit entfernte Vergangenheit mit in unsere Gegenwart? Das muss wohl jeder individuell entscheiden. Denn nach Jahrzehnten des allgemeinen Wohlstands gibt es seit Jahren immer mehr Menschen, die in der Schilderung von Armut und Knappheit in der Vergangenheit durchaus einen Bezug zu ihrer heutigen Situation sehen. Schade, dass es in unserem reichen Land inzwischen soweit gekommen ist.

Auch in einem anderen Zusammenhang stellt sich die Frage: Ist 1948 tatsächlich so weit weg? Denn: Während der Osterfeiertage vor 63 Jahren wurden im Nahen Osten bei Kämpfen zwischen verfeindeten Regionen rund 100 Menschen getötet und über 200 verletzt.

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