Stichtag 28. April 1961: Brandt fordert den blauen Ruhr-Himmel. Die große Politik und der Bottroper Alltag in den 1960er Jahren

Blauer Himmel über der Ruhr? Wir wären schon froh, wenn die Boy nicht mehr rot wäre. Wir – das sind um 1961 zahlreiche Kinder und Jugendliche, die im Schatten „des Werkes“ aufwachsen. „Das Werk“, das ist die Chemiefabrik Ruhröl, die in jener Zeit der wirtschaftliche Mittelpunkt im Osten Bottrops ist. Und rot ist die Boy, weil es über Nacht „im Werk“ mal wieder einen Zwischenfall gegeben hat. Irgendwas ist in die Luft geflogen und hat unsere kleine Welt, jeden Grashalm, jeden Baum, alle Häuser, auch die wenigen parkenden Autos und die Straßen mit rotem Staub, Chemiedreck (oder was das auch immer ist) überzogen.

An diesem Morgen irgendwann in den 1960er Jahren zeigt sich wieder einmal auf dramatische Weise, was in der Boyer Luft so alles unterwegs ist. Diesmal, das wird später bekannt, ist ein Katalysator in die Luft gegangen. Aber uns reicht schon der tägliche Staub, der aus „dem Werk“ auf uns niederrieselt. Wie auf alle Menschen, die zwischen Verbandsstraße (wie die B 224 damals heißt), Boyer Markt, Johannes-, Gung- und Welheimer Straße leben.

Nur durch eine wohl drei Meter hohe Mauer vom Rest der Welt getrennt, stehen 150 Meter von unseren Wohn- und Schlafzimmern, von unseren Gärten und Spielplätzen entfernt jene monströsen Anlagen aus Röhren, Tanks, fauchenden Maschinen und Schornsteinen, die für das deutsche Wirtschaftswunder so unerlässlich sind. Das erzählen uns die wichtigen Ruhröl-Leute, wenn wir mal zur Besichtigung „des Werks“ auf die andere Seite der Werksmauer dürfen.

Für das Wirtschafts-wunder müsse man schon mal Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, wird uns erklärt. Aber warum es gleich immer so stinken muss, warum die weißen Hemdkragen am Sonntag nach dem Kindergottesdienst immer gleich so dreckig sind, warum wir auf dem Heimweg von der Kirche an der Heimannstraße entlang der Horster Straße immer wieder husten müssen, warum uns oft die Augen tränen – das erklärt uns keiner.

Wenn die Erwachsenen im Sommer abends im Garten hinter den Häusern am Schürenbusch und der Horster Straße unter den Kirschbäumen zusammensitzen, dann geht es oft um „das Werk“. Besonders, wenn es mal wieder so richtig stinkt oder Krach herrscht, als wenn Düsenjäger starten, dann geht es bei den Erwachsenen hoch her. Denn viele ärgern sich einfach nur noch über „das Werk“, andere nehmen es in Schutz. Besonders die zwei Nachbarn von der Horster Straße, deren Kinder unter Dauerhusten leiden, loben „das Werk“ immer wieder. Was die da alles unternehmen, um die Luft sauber zu machen, sei enorm. Und koste unheimlich viel Geld. Dagegen ist Widerspruch übrigens zwecklos: Beide arbeiten „im Werk“.

Aber dennoch lebt man hier gerne zusammen. Die Nachbarschaft funktioniert. Und auch ohne öffentlichen Spielplatz mit Sandkasten und Rutschen erleben wir eine spannende Kindheit. Es ist – trotz der typisch Boyer Umweltbelastungen und Nachkriegsnotzeiten – eine recht unbeschwerte Zeit. Mit viel Platz zum Spielen und Toben zwischen Bombentrichtern an der Leibnizstraße und riesigen Kornfeldern rund um die Körnerschule und östlich der B 224. Mit Maikäfern und Heuschrecken, Hunden und Schildkröten im Garten. Den Erwachsenen geht es ähnlich. Ihr Alltagsstress hält sich – verglichen mit heute – in Grenzen. Gleich um die Ecke sind überall noch Läden für das Notwendigste. Die Kneipe, der Fußballplatz und die Schule sind auch nicht fern. Und selbst der Milchmann kommt noch jeden Tag vor die Tür gefahren.

Und spätestens wenn wir Kinder bei den abendlichen, hitzigen Diskussionen für die Erwachsenen noch mal zu Oma Schulte gehen müssen, ist die Welt meist wieder in Ordnung. Denn Oma Schulte, eine Nachbarsfrau, hat von ihrer riesigen Küche einen Teil für einen kleinen Trinkhallen-Laden abgetrennt und hier gibt es fast rund um die Uhr beinahe alles, abends vor allem Thier- oder Ritter-Bier für 65 Pfennig die Flasche. Mit diesem Nachschub wird weiter geredet, über Nachbarn, Fußball, Gott und die Welt. Aber Teil dieser Welt ist eben auch „das Werk“, das des Nachts mit seinen vielen Lichtern und den ewigen Dampf- und Abgaswolken aus den Schornsteinen fasziniert, zugleich aber auch Angst auslöst.

Viele Jahre später, der Boy entwachsen, finde ich einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1954, der klarmacht, warum wir als Kinder damals in Staub, Dreck und Gestank und mit sicherlich stark giftbelastetem Obst und Gemüse aus den eigenen Gärten groß werden. Unsere Eltern haben sich – sofern sie nicht „im Werk“ arbeiten – durchaus gegen die Umweltbelastungen beschwert. Doch ihre dezenten Proteste werden mit der arroganten Macht örtlicher Wirtschaftsbosse und unter Hinweis auf die Arbeitsplätze beiseite geschoben. Etwa so: Ab Oktober 1954 schickt die Ruhröl GmbH ihre Abgase durch eine Waschanlage. Damit, so schreibt die Zeitung ihren Lesern ins Stammbuch, „wird den vielfachen Beschwerden aus Boy die Grundlage entzogen.“ Und der Firmenchef setzt einen drauf: „Damit können keine Beschwerden mehr vorgetragen werden.“ Und die Schornsteine werden so erhöht, dass der Dreck weit weg herunterkommt. Dafür aber, so verspricht „das Werk“, kann man künftig „in Boy auch bei offenen Zimmerfenstern gut wohnen“.

Konnte man nicht. „Das Werk“ wird immer wieder umgebaut und immer wieder gibt es dabei Umweltprobleme. 1965 heißt es zum Beispiel in einer Schlagzeile „Ruhröl kämpft gegen Lärm und schlechte Luft“. Dabei gab es doch 1954 angeblich schon keinen Grund zu Beschwerden mehr.

Das Werk“ produzierte mit immer neuen und umgebauten Anlagen noch bis Anfang der 1990er Jahre und firmierte u. a. als Veba-Chemie Bottrop und ging zuletzt unter dem Dach der Hüls AG in die Bottroper Geschichte ein. Nachdem 1994 bis 1996 Firmen aus Indien und Malaysia viele der Boyer Anlagen demontiert und in ihrer Heimat wieder aufgebaut hatten, gab es lange Verhandlungen um die künftige Nutzung des Hüls-Geländes. 1999 eröffnete der Möbelhändler Ostermann seine Läden auf dem Gelände, auf dem zuvor „das Werk“ stand.

 

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3 Antworten auf Stichtag 28. April 1961: Brandt fordert den blauen Ruhr-Himmel. Die große Politik und der Bottroper Alltag in den 1960er Jahren

  1. An den roten Himmel und den gleichfarbigen Staub kann ich mich zwar nicht erinnern, aber ich weiß noch, dass es in den frühen 80ern insbesondere an schönen und warmen Sommertagen von der Veba her immer so schön “duftete”. Ein eigentümlicher Geruch, der zwar eigentlich unangenehm war, bei mir aber derart fest mit unbeschwerten Sommern verbunden ist, dass ich mich doch gerne an ihn zurückerinnere.

    Im übrigen ging von der Ruhröl-Anlage immer etwas Geheimnisvolles aus – was mag sich hinter diesen hohen Mauern befinden? Als Kinder durften wir ja nie rein. Wir haben uns dann mit dem von der Ruhrölanlage schräg gegenüber liegenden “Stinneswald” schadlos gehalten, denn dort gab es extrem viel zu entdecken. Steht der eigentlich noch?

    Gruß und schönen Abend
    Christian (geboren und aufgewachsen in der Boy, 1989 wegen Studium weggezogen)

  2. wilb sagt:

    Hallo Christian, ich bin zwar auch schon lange nicht mehr dort gewesen, aber das “Stinneswäldchen” existiert wohl noch. Allerdings sind viele der Bäume entlang der B 224 in diesem Bereich gefällt worden.
    Gruß Wilfried

  3. Matthias Buchholz sagt:

    Wir haben in den sechzigern auf der Weusterstrasse an der B224 gewohnt. Auf dem Hof die großen Gärten und anschließend die Felder vom Bauer Störmann, die bis zum Moor hinreichten (heute Heimannstrasse) Klasse Kindheit! Unser Vadder war auch bei Ruhroel und meckerte über den Gestank. Wir Blagen dachten nix oder wunderten uns allenfalls, daß es manchmal so roch und die Eichelbäume bei Driewer an der Kraneburgstrasse manchmal gelbe Blätter hatten. Und ich dachte, meine Kindheit, halb auf dem Land wäre gesund gewesen!
    Gruß Matthias

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