IN EIGENER SACHE: Stadt torpediert Verbreitung der Stadtgeschichte durch nicht kommerzielle Geschichtsblogs

„Das Stadtarchiv fördert die Erforschung der Stadtgeschichte und die Verbreitung ihrer Kenntnis.“ Dieser erhabene Satz steht in der „Benutzungs- und Entgeltordnung“ des Stadtarchivs Bottrop. Doch wer sich auf rein privater Basis und aus Interesse an der Sache um die moderne Verbreitung der Bottroper Geschichte zum Beispiel in diesem Internetblog bemüht, erlebt sein blaues Wunder. Ein teures Wunder.

Denn für die einmalige Verwendung eines stark komprimierten und für Druckzwecke nicht tauglichen Fotos aus dem Stadtarchiv in diesem privaten, nicht kommerziellen Blog verlangt die Stadt 7,20 Euro Gebühren. Bei fünfzehn Bildern im Monat, die meine rund 30 Geschichtsbeiträge pro Monat gut ergänzen könnten, kostet mich mein privates Engagement für die Verbreitung Bottroper Geschichte knapp 110 Euro im Monat.

Dieser Behinderung nicht kommer-ziellen Engagements bei der Verbreitung der Bottroper Geschichte hat der Hauptaus-schuss jetzt die Krone aufgesetzt: Mit zwei Gegenstimmen (DKP, Linke) und einer Enthaltung  (Grüne) nahmen die Politiker der anderen Parteien (CDU, FDP, ÖDP, SPD) eine Erhöhung der Gebühr für die Verwendung von Archivbildern und sonstigen Archivstücken für nicht kommerzielle Zwecke von 7,20 auf 20 Euro wohlwollend zur Kenntnis und demonstrierten, wie der Rat der Stadt in der kommenden Woche endgültig entscheiden wird. Eine Erhöhung um knapp 180 Prozent. Ist dabei eine Rückvergrößerung von Fotos oder Archivstücken notwendig, die nur als Mikrofilm vorliegen, kommen pro DIN-A-4-Seite 5 Euro (bisher 1,80 Eiro) hinzu. Damit torpediert die Stadt das private, nicht kommerielle Engagement für die Bottroper Geschichte. Das gilt auch für die drastischen Gebührenerhöhungen bei anderen Nutzungsentgelten im Stadtarchiv.

Wie sich das mit dem oben genannten Auftrag des Stadt-archivs zur Förderung der Ver- breitung der Bottroper Geschich- te ver- trägt, bleibt ein Geheimnis des Kämmerers und der Politiker, die seinem Vorschlag zur Gebühren-Explosion zustimmen.

Aber diese Entwicklung passt ins Bild: Die Geschichte Bottrops hat bei der derzeitigen Generation der Verantwortlichen im Rathaus offenbar einen sehr niedrigen Stellenwert. Dabei ist die Kenntnis von geschichtlichen Zusammenhängen extrem wichtig für die Schaffung von Zusammengehörigkeit in der Stadt, für die Identifizierung der Bürger mit dieser Stadt, für das Wachsen gemeinsamer Wurzeln, für das Aufkeimen von Heimatgefühlen, für das Besondere, das diese Stadt ausmacht, das sie liebens- und lebenswert macht. Doch dafür gibt es in Verwaltung und Politik leider kaum noch Sensibilität. Voller Wehmut denkt man da automatisch an den Städtischen Archivrat Dr. Rudolf Schetter zurück, an den Historiker und Museumsleiter Arno Heinrich und an den WAZ-Lokalchef Willy Jaeger mit seinen großen Geschichtsambitionen. Zu ihren Zeiten hatte die Historie der Stadt noch Gewicht und einen Platz im Alltag der Stadt. Welch ein Kontrast zur aktuellen Politik, die per Gebühr Geschichtsquellen zuschüttet und so viele interessante Dokumente in den Tiefen des Archivs versinken lässt.

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4 Antworten auf IN EIGENER SACHE: Stadt torpediert Verbreitung der Stadtgeschichte durch nicht kommerzielle Geschichtsblogs

  1. raullix sagt:

    Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Mir fallen keine sinnvollen Argumente für diese Preise ein. Das sieht irgendwie nach ‘Steine in den Weg legen aus’. Ich glaube nicht, dass der Verkauf von Bildrechten des Kämmerers Stadtportmonee spürbar füllt. Ne, ne diese Bürohengste(und -Stuten;))…

  2. Ruhri sagt:

    Alles schön und gut … aber meint Ihr nicht, dass die Mitarbeiter des Archivs darüber genauso angepi**t sind??

    Solche Anordnungen kommen von “oben”. Zack.Bumm. Fertig. Aus. … Macht mal!!!

    Die Leute im Archiv können da am wenigsten dran ändern. Deren Hilfsbereitschaft sollte man selber mal erfahren haben, bevor hier so pauschal alle und alles in die gleiche Tonne gekloppt werden …

    Etwas mehr Differenzierung wäre nicht schlecht an dieser Stelle.

  3. wilb sagt:

    Hallo Ruhri,
    Du schreibt: „Die Leute im Archiv können da am wenigsten dran ändern.“ Völlig richtig! Und deshalb findet Du in diesem Artikel doch auch kein Wörtchen der Kritik an den Archiv-MitarbeiterInnen. Sie machen mit der von mir schon lange kritisierten viel zu knappen Personaldecke einen großen Job. Meine Arbeit ist dort stets freundlich, zuvorkommend und mit viel Sachverstand unterstützt worden. Das habe ich bereits am ersten Tag dieses Blogs mit ähnlichen Worten auf der Startseite „Die Zeitreise beginnt“ geschrieben. KLICK! Deshalb verstehe ich Deine Kritik nicht: Ich habe hier nicht „alle und alles in die gleiche Tonne gekloppt“, sondern doch ganz klar kritisiert, dass Vorschläge und Entscheidungen von Verwaltung und Politik dazu führen, dass die Verbreitung der Stadtgeschichte behindert und der Auftrag des Stadtarchivs dadurch ad absurdum geführt werden. Ausbaden muss das im Alltag natürlich das Archiv-Team.

  4. Lottermann sagt:

    Ich bin ein ausgesprochener Fan des Bottroper Stadtarchivs. Die Damen und Herren dort, namentlich Frau Biskup und Herr Bolik, sind zuvorkommend und fachlich kompetent. Eine solch “geschichtsfreundliche” Atmosphäre findet sich in kaum einem anderen Archiv der Umgebung. Was die Gebührenerhöhung angeht: Da ist nicht genügend nachgedacht worden. Die Damen und Herren im Rat der Stadt Bottrop sollten das bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche nachholen.

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