Bottroper Stadtrat 2011 – ein Geheimrat? Oberbürgermeister Wilczok 1953: Rat muss ständig Kontakt zu Bürgern haben

Der Rat der Stadt Bottrop habe sich als Beauftragter der Bevölkerung um einen ständigen Kontakt zu den Bürgern zu bemühen. Das schreibt Ernst Wilczok (SPD), seit 1949 Oberbürgermeister dieser Stadt, im Jahr 1953 in einem Beitrag für die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ über die damals gerade in Kraft getretene NRW-Gemeindeordnung.

Und weiter: „Der Rat wird seine Entscheidungen vor allem dann, wenn sie einen bestimmten Bevölkerungsteil betreffen, nicht ohne Anhörung desselben oder seiner Vertretung durchzuführen. Der Rat selbst ist keine Interessenvertretung. Das Wohl der Gemeinde muss sein Handeln bestimmen…“ Ernst Wilczok ist in dem Beitrag die Freunde über die damals noch ganz frische Gemeindeordnung und die dadurch – nach Drittem Reich und Besatzungsrecht – geschaffene neue Offenheit in der Kommunalpolitik anzumerken.

58 Jahre später berichtet ein Redakteur der gleichen Zeitung im Internet-Portal Der Westen.de am 24. Mai 2011 aus der Sitzung des Bottroper Rates (Foto 2007) u. a.:

Kämmerer Willi Loeven fühlte sich… genötigt zu erläutern, dass nachteilige Kursschwankungen bei ausländischen Krediten in die städtische Bilanz zu schreiben sind.“ Die von der Stadt bisher geheimgehaltene Kreditaufnahme bei Schweizer Banken wäre wohl nur Thema im nicht öffentlichen Teil der Ratssitzung gewesen, „…doch weil in der WAZ vom Dienstag die DKP es öffentlich gemacht hatte, sah sich Kämmerer Willi Loeven genötigt, einem ,falschen Eindruck entgegenzutreten’, der dadurch entstanden ist.“ So weit die WAZ.

Grund für den „falschen Eindruck“ ist aber nicht die DKP, sondern das NKF, das „Neue Kommunale Finanzmanagement“. Danach müssen zum Beispiel Buchverluste durch Wechselkursschwankungen, die bei Krediten in Nicht-Euro-Währungen entstehen können, im städtischen Haushalt offen ausgewiesen werden. Kommentar von Stadtkämmerer Loeven laut WAZ: „Nicht schön, so etwas im Ergebnisbericht auszuweisen.“

Im Umkehrschluss bedeutet das wohl: Es wäre schön, so etwas geheim halten zu können. Doch das genau soll das „Neue Kommunale Finanzmanagement“ verhindern. Ziel des Systems, seit 2005 Grundlage des kommunalen Haushaltswesens, ist laut Ministerium für Inneres und Kommunales nämlich „mehr Wirtschaftlichkeit und Effektivität, mehr Transparenz und Bürgernähe”. In Bottrop, so darf man nach den Äußerungen des Kämmerers vermuten, ist zum Beispiel mehr Transparenz – wie im aktuellen Fall – offenbar Teufelszeug.

Fazit: Manchmal ist Bottroper Geschichte ganz schön ernüchternd. Wie schrieb SPD-Urgestein Wilczok 1953 doch gleich? Der Rat der Stadt Bottrop habe sich als Beauftragter der Bevölkerung um einen ständigen Kontakt zu den Bürgern zu bemühen. Seine politischen Kinder und Enkel halten davon offenbar nicht mehr viel.

Wilczok, 1949 bundesweit mit 27 Jahren jüngster Oberbürgermeister, blieb in diesem Amt bis 1961. Gut drei Jahre stellte die CDU mit Bernhard Roghmann den Ratschef, dann war in Bottrop wieder Wilczok-Zeit. Als 1975 die 18 Monate Glabotki begannen, musste Wilczok den OB-Sessel wieder räumen, um aber schon Mitte 1976 erneut darauf Platz zu nehmen. Er war auch noch Oberbürgermeister, als er 1988 plötzlich starb.

Foto: Ernst Wilczok in seinem Element: 1974 bei einer Großdemo auf dem Rathausplatz für ein eigenständiges Bottrop. Spruch auf einem der Transparente: “Bottrop – kein Fressen für Essen”.

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