Innovation-City und die 50 Jahre alte Fernwärme-Technik

In diesen Tagen war NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) in der Boy zu Gast, um mit einem Spaten an der Kantstraße etwas herumzubuddeln – Symbol für den Start eines Bauvorhabens, durch das bis Ende nächsten Jahres 160 Wohnungen in der Boy an das Fernwärmenetz der Steag angeschlossen werden sollen. OB Tischler wird von der WAZ so zitiert: „Jetzt gehen die ersten konkreten Projekte an den Start, und für die Bürger wird hier sichtbar: Es tut sich was in Bottrop.“ Und zwar deshalb, weil diese Hausschlüsse an die Fernwärme natürlich unter der großen Überschrift „Innovation-City“ laufen. Der Umweltminister sagt bei der Gelegenheit, dass dieses Fernwärme-Vorhaben kein gewöhnliches sei. Unklar bleibt jedoch, was da so ungewöhnlich ausgerechnet an diesen 160 Fernwärme-Häusern ist. Wo es doch schon allein bei der Steag 300 000 Wohnungen im Fernwärmenetz gibt.

Deshalb ein kleiner Blick zurück. Fernwärme gibt es hier, mitten im Ruhrgebiet, schon seit Jahrzehnten. So fällt in Essen am 20. Oktober 1960 der Startschuss für die Fernwärmeversorgung in der dortigen Innenstadt. Ab dem 29. September 1966, also seit bald 45 Jahren, werden auch in der Bottroper City die ersten Wohnungen fernbeheizt. Die Wärme kommt vom Heizwerk der Zeche Prosper 3 an der Gladbecker Straße, wo heute noch eine Bushaltestelle und ein Stück Zechenmauer an diese Schachtanlage in Citynähe erinnern. Ende 1994 beliefert die Ruhrkohle-Tochter Steag als Betreiberin des Fernwärme-Netzes in Bottrop, Essen und Gelsenkirchen bereit 90 Prozent aller Gebäude in der Essener Innenstadt. Und auch in Bottrop baut sie ihr Netz in den Jahren danach stets weiter aus.

Insgesamt hängen an diesem Netz heute -  wie erwähnt – bereits über 300 000 Wohnungen, viele davon in Bottrop. Doch jetzt ist offenbar etwas neu: Ab sofort werden neue Wohnungsanschlüsse wohl als Teil des Projekts Innovation-City gefeiert. Wenn das so ist, dann gibt es – im Umkehrschluss – so etwas wie Innovation-City schon seit 1960. Zumindest bei der Fernwärme. Dafür spricht auch ein Blick ins Jahr 1976. Auch da hat die Steag hohen Besuch, sogar einen Bundesminister: Am 9. September will der damalige Bundesforschungsminister Matthöfer einmal sehen, wo die Gelder stecken, mit denen sein Ministerium die Fernwärmenetze in Bottrop, Essen und Gelsenkirchen bereits gefördert hat. Insgesamt geht es um 175 Millionen DM, umgerechnet rund 90 Millionen Euro. Da wirkt die halbe Million, die diesmal aus Bundes- und Landesmitteln kommt, recht bescheiden.

Aber es gibt jetzt eben das Projekt Innovation-City. Da gelten offenbar andere Regeln. Oder warum wird den Bürgern die weitere Nutzung einer seit 50 Jahren bewährten Technik so groß als Fortschritt verkauft?

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