16. Juni 1921: Die Einzelhändler gründen ihren Verband. Althoff, Böhmer, Broch & Co. sorgen für städtisches Flair.

Foto: Die Hansastraße wird in den 1920er zum zweiten Handelsschwerpunkt. Links: Böhmer (1928). Hintergrund: Althoff (1929).

Achtung, Kalauer! Warum heißen Einzelhändler Einzelhändler? Weil jeder einzeln handelt. In Bottrop ist das – Kalauer hin, Kalauer her – zwar auch heute noch oft so zu beobachten. Aber am 16. Juni 1921, heute vor genau 90 Jahren, haben zahlreiche Bottroper Kaufleute genug von Alleingängen: Sie wollen gemeinsam in die Zukunft gehen und gründen die Bottroper Kaufmannschaft, den Vorgänger des heutigen Einzelhandelsverbands.

Der geht allerdings davon aus, in diesem Jahr schon 100 Jahre alt zu sein. Denn im März 1911 wurde der „Verein für Handel und Gewerbe Bottrop“ aus der Taufe gehoben. Doch diese Dachorganisation für Kaufleute und Handwerker passte schon nach zehn Jahren nicht mehr in die Zeit. So berichtet der damalige Geschäftsführer der „Vereinigten Kaufmannschaft“, Th. Füßmann, Anfang der 1950er Jahre, dass sich die beteiligten Branchen immer mehr spezialisieren mussten und die Interessen von Händlern und Handwerkern immer mehr auseinander gingen.

Und so wird der Handels- und Gewerbeverein am 16. Juni 1921 aufgelöst und am gleichen Tag die „Vereinigte Kaufmannschaft Bottrop“ gegründet.

Ab sofort sind die Bottroper Einzelhändler unter sich. Und das ist gut so. In der aufstrebenden Gemeinde haben sie denn auch genug zu tun. Zwar hat Bottrop – bis 1919 das größte Dorf Preußens – erst seit zwei Jahren die Stadtrechte, doch die 73 000 Menschen zwischen Boye und Emscher wollen versorgt sein. Zudem fällt die Gründung der Kaufmannschaft nach dem Untergang des Kaiserreichs und den überstandenen politischen Wirren in eine Zeit des Aufbruchs.

Der Einzelhandel in der jungen Stadt hat allerdings noch dörflichen Charakter. Die meisten Geschäfte sind damals im Schatten der Cyriakus-kirche an der Hochstraße zu finden. Hier kann man so bekannte Firmen wie Althoff, Böhmer und auch die Alte Apotheke finden. Am Ende des Jahrzehnts, am Ende der angeblich so goldenen 20er Jahre, hat sich die Bottroper Innenstadt deutlich gewandelt: Althoff (in Bottrop ab 1960 als Karstadt bekannt) hat 1929 sein 6000 Quadratmeter großes Haus an der Hansastraße eröffnet (Bild oben). Es wirkt auf die alteingesessenen Bottroper Händler zunächst wie ein Schock, wie ein Ding aus einer anderen Welt. Doch schon bald zeigen sich die positiven Seiten eines so außergewöhnlichen Geschäfts: Es wirkt wie ein Kundenmagnet, von dem auch alle anderen Händler in der Innenstadt profitieren.

Das gilt auch heute noch. Gerade in diesen Tagen ist im Zusammenhang mit der jetzt zum x-ten Mal angekündigten „Revitalisierung“ des fast toten Hansazentrums von einem so genannten Anker-Mieter die Rede. Gemeint ist damit ein Geschäft, das durch Größe und Kunden-attraktivität für einen Käuferstrom sorgen soll.

Ende der 1920er Jahre ist das aber nicht nur Althoff. Gleich gegenüber lockt seit 1928 eine Filiale der US-Kette Woolworth mit ihren Billigwaren. Bottrop ist einer der ersten deutschen Standorte der Firma, die erst 1927 den Schritt nach Deutschland gewagt hat.

Ein kleines Stück weiter in Richtung Altmarkt geht es hingegen ganz heimisch zu: Dort hat das Schuhhaus Böhmer, seit 1908 an der Hochstraße zu Hause, nach dem Umzug ein mehrstöckiges Geschäft bezogen. Am Altmarkt dominiert schon damals die 1913 gegründete Firma Borgmann mit ihren Eisenwaren und Haushaltsgeräten die Szene.

Am anderen Ende der Hansastraße, gleich neben der Cyriakuskirche, ist seit 1911 die Firma Broch mit ihren Haushalts- und Dekorationsartikeln tätig. Ihr gegenüber ist der Eingang zur Brotfabrik Allermann, die bereits seit 1870 viele Bottroper mit ihren Backwaren versorgt – und das übrigens nicht nur in der Innenstadt. Allermann hat eine große Flotte von Pferdefuhrwerken, mit der der Bäckermeister seine Stammkunden in allen Bottroper Stadtteilen und Zechenkolonien versorgt.

Doch der Aufschwung Ende der 1920er täuscht: Dem Bottroper Handel stehen nach den tiefen Einschnitten durch Ruhrbesetzung (1923) und Inflation (1923) weitere schwere Zeiten bevor, von denen die Weltwirtschaftskrise ab 1929 nur der Anfang sein wird…

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