Schon 1905: Radfahrer sind für die Obrigkeit ein rotes Tuch

Für diese Zeitreise durch die Bottroper Geschichte benutzen wir ein spezielles Fortbewegungsmittel: Aus Anlass des Endes der Firma Beelert (gegründet 1908) geht es mit dem Fahrrad rund 100 Jahre in die Vergangenheit.

Und überraschenderweise (oder auch nicht) stellt man fest: Die Bottroper Obrigkeit ist sich über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben. Die Fahrradfahrer sind für viele Politiker und Stadtverwalter offenbar schon immer eine Art Lieblingsfeind gewesen. Heute zeigt sich das am immer noch recht lückenhaften und oft unzureichend in Schuss gehaltenen Radwegenetz in Bottrop. Das Bild unten zeigt zum Beispiel die jahrelange Radweg-Situation an der Bahnhofstraße bis zu ihrem Umbau vor zwei Jahren. Auch die „moderne“ Führung der Radwege entlang der neuen Autopiste durch die Innenstadt zeugt nicht von viel Sympathie der Straßenplaner für Radler. Zudem ist das ewige Gezänk um die Nutzung der Bottroper Fußgängerzone durch Radfahrer symptomatisch für das offenbar gestörte Verhältnis zwischen Rathaus und Pedale.

Während in der Fußgängerzone zeitweise so viel Autoverkehr herrscht wie auf einer normalen Straße, gab es für die Radfahrer stets rigide Beschränkungen, die aktuell durch eine Chaoslösung für die Fußgängerzone ersetzt worden sind. Allerdings: Die Ahnen der heutigen Bottroper Obrigkeit konnten es noch etwas besser. Also strampeln wir in Richtung 1905.

Schon zu dieser Zeit gibt es in Bottrop eine „Polizeiverordnung betreffend den Verkehr mit Fahrrädern auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen“. Wie Willy Jaeger, von 1948 bis 1976 Lokalchef der Bottroper WAZ, mir einmal berichtete, hatte er die Verordnung in seinem Archiv entdeckt. Und danach müssen die Bottroper Radfahrer des Jahres 1905 sofort absteigen und Platz machen, wenn Leichenzüge im Anmarsch sind oder sich Pferdefuhrwerke der Kaiserlichen Post nähern. Auch den Reinigungsfuhrwerken (so etwas gab es auch schon) der dörflichen Saubermänner haben die Radfahrer demütig, und zwar zu Fuß, zu begegnen. Und wenn sich einmal ein königliches Gespann nach Bottrop verirren sollte, ist auch dem selbstverständlich sofort Platz zu machen. Wer sich daran nicht hält, muss hohe Geldstrafen bezahlen oder landet auch schon mal im Knast.

Damit aber nicht genug. Der Bottroper Radfahrer, der sich zum Beispiel 1908 im nagelneuen Beelert-Laden ein Zweirad zulegt, kann nicht einfach in die Pedalen treten. Er braucht eine Art Führerschein, eine „Radfahrkarte“, die alljährlich bei der Polizei erneuert werden muss. Da steht nicht nur der Name drauf, sondern auch eine genaue Personenbeschreibung mit Haarfarbe, Größe, Figur usw. Wer heute über die Auswüchse eines Überwachungsstaates klagt – vor hundert Jahren war es (auch ohne Computer) zumindest für Radfahrer in Bottrop nicht viel besser.

Und das mit dem „Radfahrer absteigen“ gilt noch heute. 2011 braucht es dafür aber keine Postfuhrwerke oder Königskutschen mehr, es reicht ein einfaches Schild. Und das macht deutlich, wie wichtig es ist, dass auch heute noch die Radfahrer so richtig an die Kandare genommen werden müssen. Denn sie sind ein widerspenstiges Volk. Würden sich nämlich alle Radfahrer immer und ewig an das „Absteigen“-Schild halten, dürfte es keine radfahrenden Radfahrer mehr geben. Oder haben Sie irgendwann irgendwo ein Schild gesehen, auf dem es heißt: „Radfahrer wieder aufsteigen“? Na bitte: Immer diese Radfahrer!

Dieser Beitrag wurde unter 1901-1950, Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>