Vor 135 Jahren: Die “Alte Allgemeine” wird gegründet. Schützenfest als Bindeglied für Tradition und Gegenwart

„Feiern die mitten im Sommer Karneval?“ Solche und ähnliche Fragen und Anmerkungen kann man an diesem Wochenende in der City wieder häufig hören. Denn es ist Schützenfest. Und vor allem Jugendliche können damit oft nichts anfangen. Schade, denn es ist eines der wenigen Beispiele für die Verknüpfung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das in der oft als „geschichtslos“ angesehenen Stadt Bottrop regelmäßig in aller Öffentlichkeit präsentiert wird.

Foto: Das Schützenfest bestimmt an diesem Wochenende das Geschehen in der City. Auch die Dekoration in einigen Geschäften weist auf das Fest hin. Hier sind die Schützen aber etwas kopflos geraten.

Die „Alte Allgemeine Schützenbürgergesellschaft Bottrop e. V.“, so der gleichermaßen historisch wie gewichtig daherkommende Name der ältesten Bürgerorganisation in der Stadt, feiert in diesen Tagen ihr Schützenfest. Und dazu gehören seit jeher Märsche in Reih’ und Glied durch die Innenstadt mit entsprechender Marschmusik, Platzkonzerte, musikalische Weckrufe und natürlich das Vogelschießen zur Ermittlung des neuen Königs. Doch der geschichtliche Hintergrund ist – wie die oben erwähnten Anmerkungen zeigen – besonders jungen Leuten kaum bekannt, zumal ihnen die am Randes des Schützenfests auf den City-Straßen zu hörende Musik sehr exotisch vorkommt, denn in der Regel findet sie keinen Platz auf einem MP3-Player.

Kein Wunder, denn was man am Wochenende in der City bei Märschen und Paraden bewundern kann, ist ein Relikt einer rund 1000-jährigen Schützentradition. So lange ist sie für Bottrop zwar nicht nachzuweisen, aber auf einige Jahrhunderte bringt es auch die Bottroper Schützengeschichte. Sie geht im Kern auf jene Zeiten zurück, da die verstreut liegenden Bauernhöfe immer öfter Ziel von Überfällen werden. Nicht nur in den Kriegswirren während der vergangenen Jahrhunderte werden auch Bottroper Gehöfte zum Beispiel durch arbeitslos gewordene Soldaten oder einfach durch Diebe heimgesucht. Sie erbeuten nicht nur Sachen und Vieh, sondern entführen oft auch Frauen und Kinder, um Lösegelder zu erpressen.

Um sich zu wehren, schließen sich schon vor Hunderten von Jahren die Bewohner von Bauernhöfen in bestimmten Bereichen zusammen, um ihre Familien und ihr Eigentum zu schützen – daher auch der Begriff „Schützen“ für die wehrhaften Leute.

Im Laufe der Zeit entstehen rund um die eigentliche Schützen-Idee gesellschaftliche Bräuche und Traditionen, zu denen auch das gerade in der City gefeierte Schützenfest gehört. Ursprünglich werden diese Feste von den Bürgern ausgerichtet – als Dank für den Schutz, für den die Schützen gesorgt hatten.

Heute ist das anders, heute laden die Schützen die Bürger ein, um mit ihnen zusammen eine uralte Tradition zu pflegen. Im Mittelpunkt steht dabei natürlich die Ermittlung des neuen Schützenkönigs. Bei der Alten Allgemeinen ist es jetzt Wolfgang Vornefeld-Sühling (Wolfgang I.) von der dritten Kompanie, wie die WAZ berichtet. Mit dem 325. Schuss habe der 53-jährige Rechtsanwalt den Vogel von der Stange geholt. Seine Königin ist danach Andrea I. (Köss).

Die „Alte Allgemeine“ („allgemein“, weil sie jedem Bürger offen stand) wird in diesen Tagen übrigens 135 Jahre alt. Am 23. Juli 1876 wurde sie gegründet. Und eine der ersten Aufforderungen an die damalige Dorfge-meinschaft: Zum ersten Fest der neuen Bottroper Schützen-Zeitrechnung soll „jeder flaggen“. Das wird heute jedoch kaum noch beherzigt, und so besorgen die Schützen das mit den Fahnen heute selbst (Foto oben).

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