Stichtag 19. Juli 1961: Das Heimatmuseum wird eröffnet. Doch Bottrop ignoriert das Jubiläum. Das Erbe des Gründers Arno Heinrich ist einigen Verantwortlichen offenbar lästig.

Der 19. Juli 1961 ist ein großer Tag in der Stadtgeschichte und für die Stadtgeschichte: Heute vor 50 Jahren wird das Heimatmuseum in der alten Oberbürgermeistervilla am Stadtgarten eröffnet. Noch ahnt niemand, dass dies die Keimzelle für eine bald einzigartige Museumslandschaft im Ruhrgebiet werden wird, das “Quadrat” (Emblem links). Dennoch ist allein die Gründung des Bottroper Heimatmuseum so bedeutend, dass selbst der Regierungspräsident den Weg in den Stadtgarten findet. Er würdigt, wie alle Festredner, das Engagement eines damals noch relativ unbekannten Mannes, ohne den das Museum und seine späteren Erweiterungen nicht möglich gewesen wären: Arno Heinrich.

Dieser Mann, 1929 in Stettin geboren, ist ein Glücksfall für Bottrop. Er selbst bezeichnet sich viele Jahre nach der Museumseröffnung als eine „durch den zweiten Weltkrieg verkrachte Existenz“, so wie es sie nach 1945 im Land reihenweise gibt. Er hat sich als Bauer und Handwerker versucht, bis ihn die Nachkriegswirren in Bottrop zum Bergmann auf Prosper und Rheinbaben werden lassen. Unter Tage wird seine Sammel-Leidenschaft für Mineralien und Fossilien geweckt. Schnell hat er eine interessante Sammlung zusammen, die er im Ledigen-Wohnheim in Ebel mit großem Erfolg ausstellt.

Das macht die Bottroper Stadtverwaltungsspitze auf Arno Heinrich (Foto rechts) aufmerksam. Trotz der üblichen Ebbe in der Stadtkasse ist für den damaligen Oberstadtdirektor Fritz Kleffner klar: Die Bottroper Geschichte braucht eine Heimat, braucht ein Museum. Und vor allem: Sie braucht entsprechende Dokumente und Ausstellungsstücke. Von dem ersten bescheidenen Heimatmuseum sind nach den Kriegszerstörungen nur wenige Exponate übriggeblieben. Arno Heinrich ist deshalb für die geschichtsbewußte Stadtspitze der ideale Mann.

Um 1954, als die Museums-Idee geboren wird, gibt es aber natürlich noch keine Stelle für einen Museumsleiter. Was tun? Heinrich, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Unter-Tage-Bergmann arbeiten kann, wird von der Stadt kurzerhand als Schulhausmeister angestellt. In der 1924 eröffneten Körnerschule, weit im Osten der Stadt an der B 224 in der Boy gelegen, sieht er künftig nach dem rechten. Gleichzeitig aber beginnt er mit dem systematischen Aufbau der Sammlung für das künftige Heimatmuseum.

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In dieser Zeit kommt es für mich zur ersten Begegnung mit Arno Heinrich, die mein Interesse an Geschichte, speziell an der Bottroper Geschichte begründet. Ostern 1956 als I-Männchen eingeschult, lerne ich mit vielen anderen Boyer Kindern einen recht ungewöhnlichen Schulalltag in der Körnerschule kennen. Nicht nur unsere Lehrer erklären uns die Welt, sondern auch unser Hausmeister. In der Pausenhalle und später auch auf fast allen Gängen der Schule stehen die Vitrinen mit spannenden Utensilien aus der Vergangenheit. Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, große Bilder von Mammuts und Nashörnern faszinieren uns. Die haben alle mal hier gelebt. Hier in der Boy oder unten an der Emscher und am Rhein-Herne-Kanal. Die älteren Schüler dürfen schon mal mit, wenn Arno Heinrich irgendwo in der Nachbarschaft in der Erde herumbuddelt, um nach weiteren geschichtsträchtigen Sachen zu suchen – oft mit Erfolg. Die Sammlung wächst und mit ihr unser Wissen über die Bottroper Geschichte, die mich bis heute fasziniert und die mit Hilfe der Internet-Technik zu diesem privaten, nicht kommerziellen Geschichts-Blog geführt hat. Als Dank und in Erinnerung an Arno Heinrich, der vor zwei Jahren starb und der in dieser Stadt längst nicht immer die verdiente Anerkennung gefunden hat, ist ihm dieser Blog gewidmet.

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Ende der 1950er Jahre wird es auch in der Körnerschule langsam eng. Die vielen Funde, die Arno Heinrich inzwischen zusammen getragen hat, fordern ein Museum, das schließlich in der alten Oberbürgermeister-Villa am Stadtgarten eingerichtet wird. Der heute vor 50 Jahren zum Museumsleiter aufgestiegene Arno Heinrich buddelt trotz der vielfältigen Aufgaben in seiner neuen Position munter weiter. Bis Anfang der 1980er Jahre sollen es über 7000 eiszeitliche Tierfunde werden. Heinrich kann im Bottroper Emschertal 72 Mammuts (auf dem Foto oben eines davon), 102 Wollnashörner, 37 Wisente und 75 Riesenhirsche nachweisen.

1976, die Stadt hat eigentlich wieder einmal kein Geld für ihre Geschichte übrig, kann nicht zuletzt durch den Anschub einer Bürger-initiative die „Eiszeithalle“ als Teil des Museums-Neubaus „Quadrat“ eröffnet werden. Auf einer Fläche von 21 mal 21 Metern präsentiert der Museumsleiter zahlreiche Skelette eiszeitlicher Tiere (Foto links ein Höhlenbär). Besonders eindrucksvoll und viele Jahre „Aushängeschild“ für das Museum auf Plakaten: der 1975 gefundene Schädel eines etwa 40 Jahre alten Mammuts mit den kompletten Stoßzähnen. Nicht minder eindrucksvoll ist das Mammutskelett: 3,35 Meter hoch und 5,60 Meter lang (Foto weiter oben). Wie eine Kleinigkeit mutet da der durchaus nicht unscheinbare Milchzahn eines Mammutbabys an, den Arno Heinrich gerne vorzeigt (Foto links) – als Beispiel für die Vielfalt der Funde im Bottroper Untergrund.

Viel Aufmerksamkeit bei der Bottroper Bevölkerung erregen die Ausgrabungen, die ab 1973 quasi mitten in der Stadt am Südring stattfinden. Mit Dutzenden von freiwilligen Helfern legt der Museumsleiter ein Gräberfeld aus der Bronze- und der Eisenzeit frei (Foto rechts). Fast täglich berichtet die Lokalpresse über immer neue Urnenfunde. Am Ende werden es weit über 100 sein.

„Wenn wir bei Ausgrabungen Hilfe brauchen, sind die Bottroper sofort dabei“, freut sich Arno Heinrich über die große Anteilnahme der Bevölkerung an seiner Arbeit. Mehr noch. „Unser Museum ist ein Museum, bei dem es nie eine Schwellenangst gegeben hat. Auch ich war Bergmann. Und wenn man die Sprache der Bergleute, die Sprache der Bevölkerung spricht, dann hat man Kontakt zu den Leuten. Ich glaube sagen zu können: Ich habe den Kontakt!“

Welch ein Kontrast zu heute. Genau 50 Jahre nach der Eröffnung des Heimatmuseums ist dessen konkrete Zukunft als wichtiges Geschichtszentrum dieser Stadt ungewiss. Seit 2007 wird abseits der breiten Öffentlichkeit in Politik- und Verwaltungszirkeln an Konzepten gebastelt. Immer wieder wird seit vier Jahren die Neuausrichtung des Museums verschoben. Wenn etwas an die Öffentlichkeit dringt, ist es wenige Monate später aber schon nicht mehr wahr.

Paradebeispiel für das Chaos: Am 17. Dezember 2010 zitiert die WAZ Kämmerer und Kulturdezernent Loeven: “Wir haben gute und interessante Exponate, die es in anderen Häusern nicht gibt.” Eine dieser Sehenswürdigkeiten, so die WAZ weiter, solle die lebensechte Nachbildung eines Ausschnitts des heimischen Waldes zur Karbonzeit sein – dieses 120 000 Euro teure Diorama werde der Präparator in wenigen Wochen fertiggestellt haben. Nicht Wochen, sondern knapp sieben Monate später, am 4. Juli 2011, berichtet die gleiche Zeitung: “Auf das fast fertiggestellte Diorama will Heinz Liesbrock, Direktor des Museumszentrums Quadrat, verzichten… Nur einzelne Bestandteile des Dioramas will Liesbrock in die neue Präsentation übernehmen.” Im Klartext: Gut 100 000 Euro Steuergelder werden in den Sand gesetzt – während die gleiche Kulturverwaltung gleichzeitig Stadteilbüchereien dicht macht.

Immerhin: Das Gebäude des Heimatmuseums wird momentan saniert, so dass der Erhalt der Sammlungen offenbar gesichert ist. Was die Bürger davon ab wann sehen dürfen, steht jedoch in den Sternen. Das Erbe Arno Heinrichs, so scheint es, ist einigen der heute Verantwortlichen irgendwie lästig. Da verwundert es auch nicht, dass das heutige Jubiläum des Heimatmuseums weder von Stadt- noch von Geschichtsverwaltern irgendwie registriert wurde. Aber das passt zu einer Stadt, in der die eigene Geschichte offiziell kaum noch eine Rolle spielt.

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Eine Antwort auf Stichtag 19. Juli 1961: Das Heimatmuseum wird eröffnet. Doch Bottrop ignoriert das Jubiläum. Das Erbe des Gründers Arno Heinrich ist einigen Verantwortlichen offenbar lästig.

  1. Aydin Sahin sagt:

    Lieber LeserInnen,

    als Mitglied des Kulturausschuss finde ich schade dass das Heimatmuseum untergeht in Bottroper Öffentlichkeit und auch teils in Kulturausschuss. Heimatmuseum ist für Bottrop ganz wichtig das man für Neue Generation von Bottroper Geschichte bisschen in Heimatmuseum zeigen kann.
    Der Problem liegt darin dass die Leitung von Museum Quadrat das Heimatmuseum für seinen Museum Quadrat beansprucht. Wir brauchen und wünschen das Heimatmuseum die Geschichte der Stadt Bottrop weiterhin einspiegelen soll, was es ausgestellt soll Bottrop von allen Perspektiven erzählen können.
    Zusätzlich ist Museum Quadrat auch wichtig für uns.

    Gruss
    Sahin Aydin

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