Von Postkutschen-Überfällen im Bottroper „Wilden Westen“ bis zum letzten Landpostbriefträger von Kirchhellen.

Nicht nur im legendären „Wilden Westen“ werden vor rund 150 Jahren Postkutschen überfallen. Auch im Bottroper Westen geht es zu der Zeit immer mal wieder räuberisch zu: In Grafenwald rauben böse Buben schon mal die Postkutsche aus. Und dann fallen den Räubern meist Briefe, Geld und sonstige Postsendungen in die Hände. Mitreisende verlieren Geldbörse und Reisegepäck. Das alles spielt sich auf dem „Alten Postweg“ ab. Das schreit geradezu nach einer Zeitreise. Also steigen Sie ein.

Von Münster nach Bonn führt der „Alte Postweg“. Vor 150 Jahren ist die Reise zwischen beiden Städten das reine Abenteuer. Wer unversehrt und gesund mit der Postkutsche sein Ziel erreicht, zündet gern zum Dank eine Kerze an.

Über die glatte Asphaltdecke des „Alten Postweg“, die Bezeichnung trägt er noch heute, zischen jetzt PS-starke Motorräder zum Biker-Treff Grafenmühle. Vor 150 Jahren quälen sich Kutschen durch den mit Schlaglöchern übersäten und von Spurrillen gezeichneten Sandweg. Und wenn dann plötzlich quer über diese holprige Fahrbahn ein Baumstamm liegt, dann weiß der Kutscher, was die Stunde geschlagen hat: Links und rechts aus dem Wald brechen Räuber hervor.

Verläuft die Fahrt ohne Zwischenfall, wechselt der Postkutscher bei Wienert in Grafenwald die Pferde. Das müde Gespann tankt neue Kräfte, erhält dort Futter und löscht aus dem 1723 gebohrten Ziehbrunnen seinen Durst. Mit ausgeruhten Pferden setzt der Postkutscher seinen Weg fort.

Bei Bauer Wienert und an der Grafenmühle stößt der Postkutscher auch ins Horn: „Trari, trara – die Post ist da.“ Wer Sendungen erwartet oder zur Beförderung geben will, kommt zum Haltepunkt. Doch auch, wer nichts zu erwarten hat oder auf die Reise schicken will, stellt sich ein, um vom Kutscher ein paar Neuigkeiten zu erfahren. Kirchhellen ist für Postkutscher auch die Station, wo sie an ihrer Kutsche auch schon mal ein Rad ersetzen können. Hier gibt es den „Rade-macher“ Küsener. Die Überlieferung berichtet, er habe nie einen Kalender benötigt. Die Zeit habe er anhand der gefertigten Kutschenräder errechnet. Pro Woche habe er ein Rad gefertigt.

Die Post in Kirchhellen ist ein wichtiger Knotenpunkt. Doch ab 1876 wird sie nur noch als Postagentur geführt. Postagent ist der Gastwirt Joseph Feldmann. Er nennt seine Gaststätte denn auch „Wirthschaft zur Post“. Später residiert die Post im Gebäude der Spar- und Darlehnskasse. Von 1917 bis 1927 laufen die Postgeschäfte in einer Baracke, nicht weit von der heutigen Post.

Das ändert sich 1926. Damals schenkt der Guts- und Brennereibesitzer Paul Körner der Post ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück. Im Dezember 1927 zieht die Post aus der Baracke in ein nagelneues Gebäude.

Zugestellt wird die Briefpost freilich schon Ende des 19. Jahrhunderts. So stellt Postagent Joseph Feldmann bereits 1899 Franz Heisterkamp als Hilfsbriefträger ein. Für eine Mark und siebzig Pfennige trägt der von morgens acht bis mittags um eins die Post aus. Pro Tag, so erinnert sich Heisterkamp später, sei er 28 Kilometer gelaufen.

Doch genau an seinem Hochzeitstag, an einem 24. April, sei Joseph Feldmann zu ihm gekommen und habe gesagt: „Ab 1. Mai bist du Landbrief-träger, also bekommst du Tressen an den Hals.“ Der frisch ernannte Landbriefträger erhält 800 Mark Gehalt und 200 Mark Teuerungszulage.

Bei Wienert Jans bekommt Franz Heisterkamp, „immer so sechs Zigarren. Wenn Jans nicht da war, dann sagte seine Anne, du weißt ja, wo sie stehen.“ Franz Heisterkamp deckt sich dann per Selbstbedienung ein.

Bei anderen erhält der Landbriefträger seine Flasche Bier, im Winter seinen warmen Kaffee. Wird auf einem Hof geschlachtet, fällt für Franz Heisterkamp auch schon mal eine Wurst ab. Offiziell zum Landbriefträger „etatmäßig angestellt unter Erlass der Probezeit“ wird Franz Heisterkamp „Im Namen des Königs“ am 1. Mai 1907. Zum Postsekretär steigt er 1939 auf. 1945 beginnt sein Ruhestand.

Jetzt hat er auch mehr Zeit für seine Hobbys. Denn seit jeher hat Franz Heisterkamp nicht nur die Post zugestellt. Er gehört auch zu jenen, die sich um das Brauchtum kümmern. Er spricht stets platt, wird auch Plattenfranz genannt und ist noch mit 85 Jahren Bannerträger der Kirchhellener Schützen.

Seine Dönekes kreisen im Verein für Orts- und Heimatkunde, dort pflegt er auch den Klotschentanz. Plattenfranz ist Mitbegründer des Männergesang-Vereins Einigkeit. Er zieht am Gründungstag seine Ziege aus dem Stall, stellt sie auf ein Fass Bier, das zur Gründungsfeier geleert werden soll, und erklärt, jetzt gebe es Bock-Bier.

Als Heisterkamp 1971 im Alter von 91 Jahren stirbt, stirbt der letzte preußisch-königliche Landbriefträger von Kirchhellen.

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