SOMMERSERIE (5): Alltag in einer jungen Stadt. Bottrop 1919.

Bezeichnend für die allgemeine Stimmung in den ersten Tagen nach der Stadtwerdung Bottrops ist ein Kommentar, der Ende Juli 1919 in der „Bottroper Volks-Zeitung“ (BVZ) erscheint: „Es ist so ganz anders gekommen, statt froher Feste über den glücklichen Ausgang des Krieges, unsagbarer Jammer in allen Herzen über den tiefen Fall unseres Volkes. Da kann auch die Stadtwerdung für die Bottroper Bevölkerung nicht Anlass zu überlautem Jubel und Festlichkeiten sein.“

Angesichts der in Bottrop fast täglich zu beobachtenden Plünderungen von Lebensmittelgeschäften und Märkten ist das kein Wunder. Die meisten dieser Überfälle, zu deren Verfolgung eine spezielle „Wirtschaftspolizei“ gegründet worden ist, geschehen aus reiner Existenznot. So gilt der erste tägliche Blick in die Morgenzeitung den Mitteilungen über die Lebensmittelversorgungslage, mit denen der Lokalteil der BVZ regelmäßig beginnt.

Das Schlimme daran: Die Situation wird nicht besser, sondern schlechter. So schrumpft die Zuteilung von Kartoffeln ab 22. Juli 1919 von wöchentlich 7 auf 5 Pfund. Schuld an dieser miesen Lage sind aber nicht nur die Plünderungen und Diebstähle. Viele Lebensmittel verderben wegen unsachgemäßer Lagerung. So wird in jenen Tagen die Herz-Jesu-Kirche an der Prosperstraße (Foto oben), die wegen Bergschäden seit 1909 geschlossen ist, aber erst 1929 neu erbaut werden wird, zu einem großen Lebensmittel-Lager. Hier kann z. B. Mehl fachgerecht aufbewahrt werden.

Angesichts der miesen Versorgungslage ist es kein Wunder, dass die vielen Streikaufrufe, die fast täglich aus denen verschiedenen Parteien und Gewerkschaften kommen, in diesen Hungertagen auch in der neuen Stadt Bottrop auf fruchtbaren Boden fallen. Ende Juli fehlen bei der Mittagsschicht auf Rheinbaben 200 Bergleute. Bei den Straßenbahnern kann hingegen wenige Tage später ein Streik gerade noch verhindert werden. Die Schaffner erhalten ab sofort pro Tag 14,50 Mark, die Fahrer liegen um eine Mark darüber.

 

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