Vor 75 Jahren: Das Ruhröl-Werk in der Boy wird gegründet. Eine Geschichte von teuer erkauften Arbeitsplätzen, von Krieg und Bomben, von Umweltbelastungen und Karneval.

Der 31. Juli 1936 ist einer jener historischen Tage, die vom offiziellen Bottrop nicht registriert werden. Dabei berührt das, was vor genau 75 Jahren beginnt, noch heute Tag für Tag viele Bürger: Wer in der Boy Möbel oder eine Bohrmaschine kauft oder das Jugendkombihaus besucht, kommt indirekt mit der Geschichts-Geschichte in Berührung, die Ende Juli 1936 beginnt: Die Gründung des Ruhröl-Werkes in der Boy (Foto unten aus den 1960er Jahren, Quelle: Stadtarchiv).

Im damaligen Bottrop wird die Gründung des Betriebes natürlich als wirtschaftspolitische Glanztat gefeiert. Motto: Die bis dahin allein auf den Bergbau ausgerichtete Stadt wird nun auch zum Chemiestandort. Nach einem im Stinnes-Konzern entwickelten Verfahren sollen aus der Kohle wertvolle Extrakte erzeugt werden, aus denen dann durch Hochdruckhydrierung hochwertige Treibstoffe entstehen. Also: Benzin aus Kohle – eine Idee, die in den 1980er Jahren in der Kohleölanlage in der Welheimer Mark in ähnlicher Form noch einmal auflebte, nach einigen Jahren und dem Versenken von Subventionen in Höhe von mindestens 300 Millionen Mark grandios scheitern sollte.

Im Juli 1936 spielt Geld aber keine Rolle. Denn im Zuge der Kriegsvorbereitungen der Nazis ist es für sie wichtig, von teuren und knappen Rohöleinfuhren möglichst unabhängig zu werden. Doch das wird damals natürlich nicht erwähnt. Aber auch noch 1990 heißt es in einer Unternehmensbroschüre der Hüls AG, der das Ex-Ruhröl-Werk damals gehört, lapidar: „Ziel der Unternehmensgründung war die Erweiterung der wirtschaftlichen Grundlage des Steinkohlebergbaus durch Veredlung seiner Produkte.“

Das von den Mathias-Stinnes-Zechen gegründete Unternehmen entsteht auf dem Gelände der seit 1931 stillliegenden Zeche „Vereinigte Welheim“ zwischen Verbandsstraße (heute B 224), Welheimer, Johannes- und Horster Straße (Foto links). Innerhalb nur eines Jahres werden Werkshallen, Türme, Bürohäuser und vor allem komplizierte technische Anlagen gebaut. Am 24. November 1937, keine zwei Jahre vor Kriegsbeginn, nimmt Ruhröl seine bald kriegswichtige Produktion auf. Bei der Eröffnungsfeier mit Gauleiter-Besuch und Betriebs-Fahnenweihung können die Nazi-Größen gar nicht genug jubeln, dass dies ein „großer Tag für die gesamte Stadt Bottrop“ sei. Er werde in die Geschichte eingehen.

Da werden die Parteigenossen Recht behalten – aber nicht so, wie sie es ihren Mitbürgern versprochen haben. Zwar wird aus dem „Großversuch“ bei Ruhröl schnell ein regulärer Betrieb, der in der Spitze 2500 Menschen Arbeit bietet. Doch zu welchem Preis. Das Werk, das 1944 schließlich 200 000 Tonnen Sprit für die vielen Fronten, aber vor allem für die Luftwaffe liefert, wird im Laufe des Krieges zum Hauptziel der alliierten Bomber in Bottrop.

Da bringen auch die hilflosen Versuche nichts, das Werk sowie Teile der Boy und Welheims unter Tarnnetzen zu verstecken. Selbst eine zur Irritation der Bomberpiloten in Richtung Gelsenkirchen gebaute zweite Verbandsstraße ist sinnlos: Ruhröl wird während der letzten Kriegsjahre mit 3000 Bomben platt gemacht. Mehr noch. Die Tarnung sorgt dafür, dass es die Nachbarschaft des Werkes noch viel schlimmer trifft: In Boy und Welheim fallen etwa 27 000 Bomben, die eigentlich für den Benzinbetrieb gedacht sind. Dutzende von Menschen sterben, kaum ein Haus ist noch bewohnbar.

In der Zeit des Wiederaufbaus ist Ruhröl im Osten der Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nach einem kläglichen Anfang mit der Herstellung von Schuhcreme und Bohnerwachs aus übrig gebliebenen Rohstoffen beginnen 400 Mitarbeiter 1948 mit der Herstellung von Ausgangsprodukten für Kunststoffe, aus denen zum Beispiel Aktentaschen gemacht werden können.

Zwischen 1950 und 1958 wird noch einmal Treibstoff produziert, diesmal aber aus Erdöl. Der Schriftzug der Marke „Fanal“, an einem Turm direkt an der B 224 täglich von Tausenden von Autofahrern zu sehen (Foto links), ist über ein Jahrzehnt lang Aushängeschild von Ruhröl. Während auch die Zeche Welheim unter dem Werk wieder aktiv ist, wird oben immer wieder umgebaut – je nachdem, welche Produkte gefragt sind.

Das hat Folgen für die Menschen in der Boy und in Welheim, die nur durch eine bescheidene Mauer vom Werksgelände entfernt wohnen. Die komplizierten neuen Chemieanlagen haben immer wieder Kinderkrankheiten, die zu oft gravierenden Umweltbelastungen führen.

In einem WAZ-Bericht wird das 1960 offenbar als Aussage der Werksleitung so umschrieben: „Daß ein solches chemisches Werk nicht gerade edle Düfte ausstrahlt, ist klar, aber die Werksleitung ist bemüht, so weit wie möglich Geruchslästigungen zu mindern. Da aber auch noch das Kraftwerk Welheim auf dem Ruhröl-Gelände steht, kommen trotz Einbau von Filtern auch Staubbelästigungen vor.“

Aber nicht nur die Produkte, auch die Eigentümer des Ruhröl-Werkes wechseln immer mal wieder. Von der Stinnes AG wechselt der Betrieb 1968 zur Scholven-Chemie, dann 1971 komplett zur Veba-Chemie, die 1979 an den Veba-Bereich Hüls geht. Ende der 1980er Jahre ist das Werk für die Stadtverwaltung zwar immer noch wichtiger Bestandteil des „Rahmenkonzeptes Boy“, doch das Ende zeichnet sich ab. Bei Ruhröl, wie das Werk trotz aller offiziellen Namensänderungen in der Bevölkerung weiter heißt, sind nur noch 400 Beschäftigte tätig. Und zehn Jahre später zeichnet sich die Zukunft des Geländes schon deutlich ab: der Rohbau des Möbelhauses (Foto oben).

Denn im Winter 1995/1996 ist Ruhröl Geschichte: Die technischen Anlagen werden demontiert. 1997 fallen die restlichen Gebäude. Das 44 Hektar große Gelände wird für Wohnhäuser sowie für ein Möbelgeschäft (Foto links von 1999) und einen Baumarkt aufbereitet. Dabei sind nicht nur die chemisch verseuchten Böden ein Problem, sondern auch die vielen nicht explodierten Bomben.

Die Entschärfung der Blindgänger, die auch in der Nachbarschaft des „Hülsgeländes“ gefunden werden, halten die Menschen in der Boy und in Welheim monatelang in Atem. Beim Bottroper Rosenmontagszug 1999 ist diese „Bombenstimmung“ rund um das frühere Ruhröl-Gelände den Karnevalisten einen eigenen Wagen wert (Foto unten).

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