Tiefschlag für Handelsstandort Bottrop: 70 Prozent weniger Passanten als vor 10 Jahren. Der Niedergang der Hansastraße als Top-Einkaufsstraße. Traurige Geschichte in drei Bildern.

Das Ansehen der Bottroper City als Handelsstandort ist ungebremst im freien Fall. Das geht aus der diesjährigen Passanten-Zählung in den deutschen Top-Einkaufsstraßen durch das Frankfurter Beratungsunternehmen Jones Lang LaSalle hervor. Hier wurden am Stichtag (an einem Samstag im April) auf der Hansastraße (Foto oben) in einer Stunde nur noch 960 Passanten gezählt. Vor einem Jahr waren es 1205 Menschen. Das ist ein Rückgang um 20 Prozent.

Noch drastischer zeigt sich der Absturz der Hansastraße als Vorzeige-Einkaufsmeile, wenn man auf die jüngste Geschichte zurückblickt. Im Zeitraum zwischen 2000 und 2006 war die Hansastraße (Foto unten 2004) im Jahresdurchschnitt mit 3100 Menschen noch regelrecht bevölkert. Im Vergleich zur aktuellen Zählung hat die Top-Einkaufsstraße in Bottrop also rund 70 Prozent an Passanten verloren.

Dieser Aderlass ist besonders alarmierend, weil die Menschen in Deutschland nach Feststellung der Beratungsfirma ansonsten in regelrechter in Kauf- und Flanierlaune sind. Mit bundesweit rund 740 000 gezählten Passanten sei in diesem Jahr in den 170 untersuchten Städten der höchste Wert seit 2003 ermittelt worden.

Schon 2010 hatte das Beratungsunternehmen berichtet, dass in Bottrop die Zahl der damals gezählten Passanten um mehr als ein Drittel unter dem langjährigen Durchschnitt lag. Mit dem aktuellen Ergebnis kommt Bottrop in NRW – wie es in diesen Tagen bundesweit in den Medien verbreitet wird – nur noch auf den vorletzten Platz vor Bocholt (750 Passanten). Auch deutschlandweit ist Bottrop bei den 170 untersuchten Städten unter den letzten zehn zu finden.

Übrigens: Die so genannte Passanten-Frequenz in der jeweiligen Top-Einkaufsstraße gilt bei Einzelhandelsprofis als ein wichtiger Indikator für die Umsatzchancen von Unternehmen in der betreffenden Stadt. Die Passanten-Zahl ergänzt gängige Kriterien wie Zentralitäts-, Umsatz- oder Kaufkraftkennziffern und bildet eine Basis für die Standort-Entscheidung.

Der Niedergang der Hansastraße als Bottroper 1A-Lage (also die Straße mit den meisten Passanten und den höchsten Ladenmieten in der City) ist bereits seit langem im Alltag zu beobachten – dafür braucht man eigentlich gar keine Passantenzählung. Aber wenn man genau hinguckt, präsentiert sich die abgestürzte Straße etwa so (vgl. Foto ganz oben):

Vor den düsteren Schaufenster-Höhlen einer geschlossenen Apotheke und eines dichtgemachten Imbisses sind dekorativ zwei Trafokästen in unterschiedlich geografischer Ausrichtung arrangiert. Durch diese geniale Idee sowie die unterschiedliche Höhe dieser Trafokästen entsteht ein optisches Spannungsfeld, in das die Telekom eine ihrer ansprechend in Grau und Pink gestalteten offenen Telefonzellen integriert hat. Dieses durch gelungene Malereien von frei schaffenden Farbkünstlern aufgewertete Ensemble unterstreicht die Wertigkeit dieser Top-Lage im Mittelpunkt der City.

Doch damit nicht genug! Damit dieses etwas statisch wirkende Arrangement aus erdverbundenen Trafokästen nebst weltweit verbindender Telefonzelle zu einem dem Standort angemessenen dynamischen Event wird, gesellt sich donnerstags immer ein graues Entsorgungsbehältnis der Bottroper Müllabfuhr zu dem Drei-Komponenten-Ensemble.

Dieser weit und breit in Einkaufsmeilen einzigartige Überraschungsmoment wird in Bottrop-City aber noch getoppt: Immer wieder dienstags wechselt das Entsorgungsmöbel seine Farbe in Gelb – aber nur alle 14 Tage. Und alle vier Wochen – ebenfalls dienstags – kommt es zum Superevent: Dann werden Trafokästen und Telefonzelle durch ein Entsorgungsbehältnis mit emscherblauem Deckel aufgewertet. In welcher 1A-Lage im sonstigen Ruhrgebiet gibt es Vergleichbares?

Übrigens: Vor 30 Jahren sah die 1A-Hansastraße noch so aus:

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