Die Wollwott in Bottrop. 1928 geht es an der Hansastraße los.

In vielen Bottroper Haushalten wundert man sich immer wieder: Im Reklamewust am Wochenende finden sich oft auch Werbezettel der Firma Woolworth – obwohl sie schon seit rund zwei Jahren in Bottrop nicht mehr vertreten ist. Der Laden an der Hochstraße wird längst von der Schuhkette Deichmann genutzt. Dass sich Woolworth von Bottrop nicht komplett trennen kann, liegt vielleicht daran, dass das Unternehmen in dieser Stadt eine lange Geschichte hat. Für unsere Zeitreise gehen wir diesmal zurück ins Jahr 1928…

…und wir landen in der Hansastraße. Dort herrscht zu dieser Zeit – vier Jahre nach dem Ende der gigantischen Inflation Anfang der 1920er Jahre – eine ungeahnte Aufbruchstimmung. Wenn man vom Altmarkt in die Straße blickt, fällt vor allem der imposante Rohbau von Althoff (ab 1960 Karstadt) auf, der seit Ende 1927 stetig emporwächst. Mit vier geplanten Etagen ahnen die Bottroper Kaufmannsfamilien jetzt wohl so langsam, welch ein Brocken ihnen da mitten ins Nest der verwinkelten Geschäftsstraßen gelegt wird.

Ein „Großstadthaus“ soll es werden. Mit 6000 Quadratmetern. Das ist aber nicht nur Konkurrenz, sondern auch eine Herausforderung. So zieht der Bottroper Schuhladen Böhmer nach 20 Jahren in seinem angestammten Haus an der Hochstraße 1928 an die Hansastraße. Größer und schöner als je zuvor. Und wenige Meter weiter hält zur gleichen Zeit amerikanische Handelskultur Einzug in Bottrop: Die Billigkette Woolworth macht hier eine ihrer ersten Filialen in Deutschland auf.

Der 1879 in den USA gegründete Warenhauskonzern brauchte fast 50 Jahre, um den Schritt nach Deutschland zu wagen. Im Sommer 1927 hat er seine erste Filiale in Bremen eröffnet. Und jetzt ist Bottrop dran. Auch hier gilt das Prinzip des Einheitspreises, mit dem Woolworth groß geworden ist. Waren es in den US zunächst fünf Cent, für die alle Artikel in den Läden verkauft wurden, so kamen später auch 10-Cent-Waren hinzu. In Deutschland liegen die Einheitspreise 1928 bei 25 und 50 Pfennig. Die Angebote sind zudem nicht irgendwo in hinteren Lagerräumen versteckt und werden – wie sonst üblich – erst auf Kundenwunsch auf die Verkaufstheke gelegt. Bei Woolworth sind alle Waren griffbereit im Verkaufsraum. Dieses Konzept wird auf ähnliche Art auch bei Althoff gepflegt. Nur dass es hier durchaus eine große Vielfalt von Preisen gibt, an denen aber nicht gerüttelt werden darf. Feilschen – wie sonst überall im Handel Standard – ist hier unerwünscht.

Das Woolworth-Konzept geht auch in Bottrop auf. Nach dem Krieg und der Zerstörung einiger Geschäftshäuser in der Bottroper Innenstadt findet Woolworth zunächst in der Unteren Hochstraße (heute Kaufpark) eine neue Heimat. Und die Bottroper kämpfen weiter mit dem Namen aus der neuen Welt. Die einen gehen in die Wollwott, die anderen zur Wulle, um preiswert einzukaufen.

Mitte der 1960er Jahre müssen sie umdenken: Woolworth ist jetzt an der Osterfelder Straße zu finden (Foto oben), in dem Neubau neben der Martinskirche, der das alte Waisenhaus verdrängt hat. Neben Balkan-Grill und City-Hotel gibt es hier auch ein Kino.

Woolworth bleibt hier bis zum 7. Juni 1979. Dann wird das Geschäft an diesem Standort zugemacht. Aber nicht nur das: Woolworth verschwindet aus Bottrop. Das Ladenlokal bleibt dem Geschäft mit Billigwaren durch oft schnell wechselnde Händler aber bis heute verbunden (Foto links).

Nach acht Jahren Pause ist aber auch Woolworth wieder da. 2005 wird ein – verglichen mit dem Laden an der Osterfelder Straße – recht bescheidenes Geschäft an der Hochstraße eröffnet (Foto rechts). Aber im Zuge von Besitzerwechseln und neuen Konzepten ist es mit der Wollwott in Bottrop 2009 vorbei. Ob das diesmal endgültig ist, wer weiß.

Mit dem amerikanischen Konzern haben die deutschen Woolworth-Häuser schon lange nichts mehr zu tun, zumal es die Kette in den USA inzwischen nicht mehr gibt. Die rund 150 Filialen in Deutschland werden inzwischen von Unna aus gesteuert. Ein Drittel der Kette gehört dem Mülheimer Unternehmen Tengelmann, das in Bottrop mit seiner Tochter Kik am Kirchplatz vertreten ist. Dort, wo bis 2001 das Bottroper Traditionsunternehmen Hötten noch Möbel verkaufte.

Dieser Beitrag wurde unter 1901-1950, 1971-1990, 1991-2010, Allgemein, Firmen, Stadtmitte, Wirtschaft abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Die Wollwott in Bottrop. 1928 geht es an der Hansastraße los.

  1. Calculon sagt:

    Jaja… Lang lang ists her (dabei bin ich doch erst 36!!?!) als unsere Modder noch zu sagen pflegte: “Kinners, auf gehts heute mal nich nach Kaaaastadt, sondern schön inne Wollwott!”

    Ein großes Lob an Sie, lieber Blogbetreiber. Teils schöne, teils traurige Geschichten, liebenswert geschrieben & mit einer Priese feinen Witzes gewürzt! Bitte weiter so, eine Empfehlung bei Facebook & im Freundeskreis ist “on the way”.. :)

    Es grüßt ein bekennender Bottroper, ehemals auf der schönen Prosperstraße gegenüber der ZK wohnhaft…

    Glück auf!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>