Das Stenkhoffbad erlebt diesmal eine schwache Saison. Erste Schwimmer sprangen 1924 ins Becken voller Boye-Wasser.

Die Höchsttemperaturen sinken. Das Ende des Sommers wird spürbar. Auch das Ende der Bottroper Freibad-Saison 2011 rückt näher. Aber vorerst bleibt das  Stenkhoffbad auf dem Eigen geöffnet. Stenkhoff? Für ein Bad ein etwas seltsamer Name. Oder? Und wieso liegt das Bad so abseits? Früher, vor dem Zusammenschluss von Bottrop und Kirchhellen im Jahr 1976, war es sogar fast der nördlichste Punkt der Stadt. Neugierig auf Neues von gestern? Tauchen Sie ein in die Bottroper Geschichte. Kommen Sie mit auf eine Zeitreise. Wir tauchen wieder auf im Jahr 1923.

Der Platz für das geplante Bottroper Freibad ist damals schon lange ausgeguckt – und wassertechnisch bedingt. Denn für die kühlen Fluten soll die Boye sorgen. Pfui Teufel, wird da so mancher Mensch im Jahr 2011 die Nase rümpfen. Aber dieser heute zum Abwasserkanal umfunktionierte Fluss (Foto rechts) ist um 1920 noch relativ sauber, zumindest in seinem oberen Lauf. Und der soll im Eigen so umgeleitet werden, dass die Boye in der Nähe der Stenkhoffstraße durch das neue Bad fließen soll.

Dazu wird das Wasser eingangs etwas gereinigt. Das allein aber genügt auch damals schon nicht mehr für ein sauberes Badevergnügen. Der Vorthbach, der noch vor der künftigen Badeanstalt in die Boye mündet, muss umgeleitet werden. Warum, das erklärt ein Zeitungsbericht aus jener Zeit so: „Während die Boye aus Grünflächen kommt und rein und sauber bleibt, nimmt der Vorthbach die Abwasser der westlichen Stadtteile auf. Sein Wasser kann erst dort in die Boye geführt werden, wo sie bereits durch das Bad geflossen ist, und somit nicht mehr rein gehalten werden muss.“ Aus Sicht der Schwimmer im künftigen Bad ist das sicher eine gute Idee. Sie zeigt aber, dass „Umweltschutz“ noch ein Fremdwort ist.

EIN PLAN VON 1923 FÜR DAS STENKHOFF-BAD. (Quelle: BVZ/wilb)

Somit ist klar, warum das Bad im äußersten Nordzipfel der Stadt gebaut wird. Und der Name liegt auch nahe: Die Stenkhoffstraße ist nach einer alten Bottroper Familie benannt worden. Sie wurde somit auch Namensgeber für das Bad.

Aber wieso sind wir in unserer Zeitreise in Sachen Bottroper Freibad ausgerechnet im Jahr 1923 aufgetaucht? Ist das nicht eine Zeit, in der das Geld durch die Hyper-Inflation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges (1918) immer mehr an Wert verloren hat? Die Stadt Bottrop ist – fast ein Dauerzustand seit einem Jahrhundert – kurz vor der Pleite und muss sparen, sparen, sparen. Aber plötzlich ausbrechende Wirtschaftskrisen haben durchaus auch die eine oder andere gute Seite. Denn in solchen Situationen kommen Regierungen – heute, wie auch 1923 – immer wieder auf die Idee, mit Sonderfinanzprogrammen die Wirtschaft anzukurbeln. Und dann können die Städte plötzlich Projekte verwirklichen, an die man schon gar nicht mehr geglaubt hat. In unseren Tagen werden durch das Konjunkturprogramm plötzlich Schulen und Straßen saniert. 1923 ist plötzlich Geld für das lange ersehnte Schwimmbad unter freiem Himmel da.

BOTTROPER NOTGELD VON 1923: TROTZ INFLATION BEGINNT DER BAD-BAU AN DER BOYE.

Und so stellt das „Dritte Jahrbuch der Stadt Bottrop“ aus dem Jahr 1925 denn auch fest, dass das Freibad eine Art Abfallprodukt des Arbeitsbeschaffungsprogramms nach der gerade überstandenen Inflationszeit ist. In Bottrop entstehen in dieser Zeit viele neue Arbeitsplätze und zahlreiche gemeinschaftliche Einrichtungen. Die ersten Entwürfe für das Freibad sahen noch ein Schwimmbecken in einfachster Ausführung ohne massive Uferbefestigungen vor. Doch statt eines Mini-Baggersees steht auf den Plänen, als am 21. Juli 1923 die Bauarbeiten starten, ein nach damaligen Vorstellungen und Wünschen äußerst modernes Bad.

Die Erdarbeiten auf der Baustelle gehen auch ohne große Maschinen schnell voran. Man hat ja genug Arbeitskräfte mit Spaten und Schaufeln. Nach sieben Monaten ist das Becken ausgehoben. Und auf den Tag fast genau ein Jahr nach Bau-Beginn können die Arbeiter das neue Freibad verlassen. Die erste Stenkhoff-Saison beginnt am 23. Juli 1924.

Mit einem Festakt und einem Schauschwimmen wird die neue Sportstätte eingeweiht. In den zwölf Monaten Bauzeit ist ein 100 mal 23 Meter großes Schwimmbecken entstanden, das an seiner tiefsten Stelle 4 Meter, an der flachsten 80 Zentimeter tief ist. Der Boden ist mit Kies ausgelegt und an den Längsseiten des Beckens ragen Stege etwa 20 Meter ins Wasser.

Obwohl sich das fließende Boye-Wasser im Becken mehrmals täglich erneuert, hat man doch noch mehrere Filteranlagen eingebaut. Außerdem existiert in dieser Anfangszeit auch eine Rinne, durch die das Wasser fließt und an der sich die Badbesucher sitzend reinigen können.

Bereits ein Jahr nach der Eröffnung wird das Bad über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt, als hier 1925 die Westdeutschen Schwimm-meisterschaften stattfinden. In den folgenden Jahren wird das Bad ständig ausgebaut und modernisiert. So bekommen die Becken bald einen Betonboden, und das im Laufe der Jahre schmutziger werdende Boye-Wasser wird durch Leitungswasser ersetzt.

Während in den frühen Jahren des Stenkhoffs dort noch öfter Schwimmfeste stattfinden, genügen die Ausmaße des Beckens bald den Wettkampfbedingungen nicht mehr. Das tut aber dem Besucherstrom keinen Abbruch. Im Gegenteil: Seit das Freibad 1947 nach dem Zweiten Weltkrieg wieder geöffnet hat, gibt es immer wieder neue Besucherrekorde. In der Saison 1971 stürzen sich zum Beispiel über 205 000 Schwimmer in die Fluten. Ein wesentlicher Grund für diese imponierende Zahl ist sicher die Beheizung des Freibades, die ab 1969 die Attraktivität erhöht. Das Wasser wird auf einer Durchschnittstemperatur von 23 Grad gehalten.

Trotzdem muss das Bad in seiner Geschichte immer wieder um seine Zukunft fürchten. Nicht nur, dass Bergschäden mehrmals für Probleme sorgen, auch der lange geplante und oft verschobene Ausbau der Autobahn A 2, die 1936 zum Freibad-Nachbarn geworden ist, bedroht das Bad lange Zeit. Doch Stenkhoff hat bis heute überlebt, es wird im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut und modernisiert. Dazu ein Erfahrungsbericht, der 2008 auf einer Bewertungsplattform im Internet erschienen ist: „Das Stenkhoffbad ist ein kleines (übrigens auch das einzige) Freibad in Bottrop und hat auf jeden Fall ,Kultstatus’. Das Bad ist älteren Jahrgangs, nämlich von 1924. Das nicht alles niegelnagelneu ist, dürfte jedem jetzt klar sein. Jedoch wird doch einiges geboten: ein Kinderplanschbecken für Kinder bis 5 Jahren, ein Nichtschwimmerbecken (30 m) mit Rutsche, ein Schwimmerbecken (50 m Länge), zwei Beachvolleyball-Felder, Minigolfanlage, Spielplatz usw….“

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3 Antworten auf Das Stenkhoffbad erlebt diesmal eine schwache Saison. Erste Schwimmer sprangen 1924 ins Becken voller Boye-Wasser.

  1. raullix sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Hatte bislang keine Ahnung, dass die Boye mal das Bad gespeist hat. Kenne aber auch niemanden, der 1925 schon schwimmen konnte;).

  2. raullix sagt:

    Gibt es wohl auch Fotos aus den Anfangszeiten?

  3. Ruhri sagt:

    Im Stadtarchiv befindet sich reichlich Bildmaterial – auch aus den Anfangsjahren.

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