Brockmann: In Glanzzeiten wurden in Boy jährlich 5000 Bäume zu Küchen verarbeitet. Eine Zeitreise nach der Insolvenz.

Die beiden Firmen der Boyer Brockmann-Gruppe sind nicht mehr. Vor einem Monat wurde das Insolvenzverfahren über die Firmen Brockmann-Fenster-und-Türen sowie Brockmann-Küchen eröffnet. 144 Menschen waren zuletzt von dem Ende der Unternehmen betroffen. Sie gehörten, wie der Betriebsrat Ende August mitteilte, zum Teil seit 47 Jahren zu Brockmann.

Jeder Mitarbeiter habe bis zuletzt für den Erhalt der Firma gekämpft und seit 2004 auf etwa 40 000 Euro Lohn verzichtet. Die rund acht Millionen Euro, die den Firmen so zugeflossen seien, seien jedoch nicht investiert worden. So die Vorwürfe des Betriebsrates.

144 Mitarbeiter waren es also zuletzt. Das klingt nach kleinem mittelständischen Unternehmen. Und Repräsentanten der Stadt und der Politik haben sich denn auch kaum gerührt, um das Brockmann-Ende öffentlich zu begleiten. Dabei waren die Firmen – abseits von Kohle und Chemie – über Jahrzehnte die größten und wichtigsten Unternehmen im Osten der Stadt. Und nicht nur da. Wir starten hier zu einer besonderen Zeitreise.

Eine nicht nur aus Sicht der Mitarbeiter traurige Tour, die uns ins Jahr 1972 führt, in jenes Jahr, in dem Brockmann sein 25. Jubiläum feiert. Welch eine erfolgreiche Firma kann Chef Johannes Brockmann (Foto links) damals präsentieren! Er schwelgt in Superlativen: Jedes Jahr verarbeite man in den Hallen an der Heimannstraße einen soliden Kiefernwald. Aus 5000 Bäumen würden würden pro Jahr              70 000 Unterbauten für Nirosta-Küchenunterschränke.

Aus den täglich eintreffenden Lkw mit Spanplatten würden im Jahresverlauf 3000 Einbauküchen. Neben Fenstern würden auch Alu-Verkleidungen für Fassaden und Spezialtore produziert. Allein in der Spülen-Herstellung seien in der Boy 130 Facharbeiter tätig.

1947 geht die Firma in einer 45 Quadratmeter kleinen Werkstatt an den Start. Zunächst werden Kriegsschäden an Bottroper Häusern repariert: Fensterrahmen und Türen. Dass das Geschäft schon vor der Währungsreform im Juni 1948 floriert, verdankt Brockmann den englischen Besatzern. Schon während der Kriegsgefangenschaft war er ihnen mit seinen Talenten aufgefallen, berichtet Johannes Brockmann 1972. Die Offiziere überschütteten ihn mit Aufträgen. Die Produkte verkauften sie dann auf Märkten.

In der Wirtschafts-wunderzeit (Anzeige rechts) geht es dann Schlag auf Schlag: 1950 platzt die kleine Werkstatt aus allen Nähten. Produktionshallen mit 500 Quadratmetern kommen hinzu. Bald wird ein Zweitbetrieb auf dem Gelände der Zeche Arenberg-Fortsetzung an der Horster Straße gebaut. 1960 entsteht eine weitere Halle mit 1400 Quadratmetern. 1963 wird das Absatzgebiet auf ganz Nordrhein-Westfalen ausgedehnt, der Umsatz steigt allein in diesem Jahr um 65 Prozent.

Brockmanmn ist längst ein Großbetrieb, der ständig nicht nur Küchen und Fenster, sondern auch immer größere Produktionshallen für den Eigenbedarf baut. 1967 kommen weitere 4600 Quadratmeter hinzu. In Neu-Isenburg entsteht ein Auslieferungslager für Hessen, in Düsseldorf für NRW und in Herford für Norddeutschland.

Doch das ist fast 40 Jahre her. Und 64 Jahren nach dem Start ist Brockmann – aus welchen Gründen zuletzt auch immer – nur noch Geschichte.

 

 

 

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