Beiträge zur Bottroper Kino-Geschichte. Asbest und explosive Streifen. Film-Pionier Biggemann erinnert sich. 1908-1926.

Eigentlich wollte Fritz Biggemann ganz etwas anderes machen. Doch ein Unfall wirft ihn aus seiner beruflichen Bahn und bringt ihn auf eine Idee: Er wird zum “Kinomatographie-Pionier” in Bottrop: Am 4. Oktober 1908 eröffnet er an der Hochstraße 16 sein erstes Kino. Knapp 20 Jahre später, aus Anlass der Eröffnung der Schauburg als Theater/Kino-Kombination, erinnert er in einem Beitrag für die BVZ an die Anfänge der Bottroper Kino-Geschichte.

Es beginnt mit einer Enttäuschung: Das Geschäft läuft nicht so wie erwartet. Trotz der „sehr niedrigen Preise“, die zwischen 10 und 40 Pfennig pro Eintrittskarte liegen, bleiben die Besucher aus. „Schwere Tage musste ich überstehen“, berichtet Biggemann. An einem der schlimmsten Tage hat er 3 Mark Einnahmen, denen aber 80 Mark an eingegangenen Rechnungen gegenüberstehen. „Trotzdem ließ ich den Mut nicht sinken. Meine Frau ging an die Kasse. Mein Bruder Josef führte vor, und einen Invaliden stellte ich als Programmverteiler an. Während ich selbst die Rolle eines Platzanweisers übernahm.“

Das Lokal an der Hochstraße 16 ist 60 Quadratmeter groß und hat 100 Sitzplätze. Zu dem Vorführraum aus Holz führt eine halsbrecherische Treppe hinauf. Der „noch vorsintflutliche Mechanismus ermöglicht auf die Dauer keine einwandfreie Vorführung und wird mit Recht von den Leuten als ,Flimmerkasten’ bezeichnet“, erzählt Biggemann selbstkritisch. Aber damit nicht genug: Aus heutiger Sicht unmöglich ist der Vorführraum mit Asbest ausgeschlagen. Zum Löschen für einen eventuellen Brand des explosiven Zelluloids gibt es eine Decke. In die Wand ist ein primitives Loch gehauen worden, wo hindurch projiziert wird.

 

 

 

Foto: 1917 wird das erste Kino mit dem Namen Schauburg an der  Hochstraße eröffnet.

Biggemann ist sich der Gefahr, die von dieser Inneneinrichtung ausgeht, durchaus bewusst. Doch er sieht es auch positiv: „Von Polizei und Steuerbehörden wurde man recht wenig belästigt, man kümmerte sich kaum um unsereins.“ Denn die Feuergefährlichkeit des Zelluloids ist wohl erst recht Wenigen bekannt. Binsenstühle, die durch einfache Latten verbunden und festgemacht sind, ein elektrisches Klavier, das die musikalische Illustration zum Film liefert, vervollständigen die Einrichtung.

Viel Arbeit macht dem Kinobesitzer die Zusammenstellung der Programme. Anfangs sind auf einer Rolle nur 20 bis 50 Meter Film, so dass er für ein einstündiges Programm bis zu 30 Rollen braucht.

Allmählich, so erinnert sich Biggemann, nimmt das Interesse am Kino zu. Wer einmal da war, der sei auch wiedergekommen. Allerdings steigen mit dem Interesse auch die Ansprüche der Zuschauer. Die Vorführtechnik wird gleichzeitig auch besser. Für den Kinobesitzer bedeutet das: Er muss modernisieren oder gleich neu bauen. Das geschieht denn auch: Nur knapp drei Jahre nach seinem ersten Kino eröffnet Biggemann am 20. August 1911 sein neues Kino, das „Lichtspielhaus“, das in den 1920er Jahren in „Alhambra-Lichtspiele“ umbenannt wird.

Der Neubau bietet den Bottropern ein Kinovergnügen der modernsten Art. So gibt es jetzt bequemere Klappstühle, eine Dampfheizung, Ventilatoren und statt eines elektrischen Klaviers einen echten Flügel sowie ein Harmonium. „Jetzt konnte ich schon Filme mit bis zu 500 Metern Länge zeigen.“ Im ersten Weltkrieg erlebt das Kino in Bottrop einen Boom. Der Grund laut Biggemann: die „zuverlässige Berichterstattung von allen Kriegsschauplätzen“ in den Filmen. Und auch sonst ist der Krieg für den Kinobesitzer ein Gewinn: Im großen Kriegsgefangenenlager, das auf der Zeche Prosper entstanden ist, richtet er ein Kino ein, das „von den Gefangenen rege besucht wurde“.

Noch im letzten Kriegsjahr ist das „Lichtspielhaus“ schon wieder zu klein. Biggemann baut die „Schauburg“, die im November 1917 eröffnet wird. Dieses Kino hat nun 800 Sitzplätze. Nach Kriegsende 1918 wird der Saal auch für Vorträge und Konzerte genutzt, was dazu führt, dass aus Platzgründen der Vorführraum 1920 außen angebaut werden muss.

In der Wirtschaftskrise nach dem ersten Weltkrieg muss  Biggemann das „Lichtspielhaus“ wegen Unrentabilität schließen.  Gleichzeitig gibt es aus baupolizeilichen Gründen auch bei der Nutzung der „Schauburg“ Probleme. Nach überstandener Inflation kommt es 1924 zum Durchbruch: Die lange geplante Renovierung der „Schauburg“ beginnt. Und zwar mit Hilfe der Stadt. Sie sorgt dafür, dass der moderne „Lichtspielpalast“ auch als Theater und Konzertsaal genutzt werden kann. Der Saal bietet nun 1200 Menschen Platz. Und er hat eine sieben mal acht Meter große Bühne – mit allen technischen Finessen. Biggemann lobt die „Schauburg“ kurz vor ihrer Eröffnung am 16. November 1926 denn auch in höchsten Tönen. Der Originalton eines stolzen Kinobesitzers:

„Unter großen Schwierigkeiten ist es gelungen, auch das akustische Problem zu lösen. Das moderne Bühnen- und Requisitenhaus enthält, auf drei Ebenen verteilt, moderne Künstlergarderoben. Hieran anschließend befindet sich das modern eingerichtete Theaterrestaurant, wo dem Besucher Gelegenheit geboten ist, neben der geistigen Kost sich auch noch das Materielle zu Gemüte zu führen. Wenn hieraus hervorgeht, dass außer dem Lichtbild die Bühnenkunst gepflegt werden soll, so zeigt schon dieser äußere Rahmen, dass ein Theater, das höheren Zwecken dienen soll, geschaffen wurde.

Zum Schluß möchte ich nicht verfehlen, den beteiligten Stellen, namentlich Herrn Oberbürgermeister Dr. Baur und Herrn Beigeordneten Dr. Mihm den herzlichen Dank auszusprechen für die bereitwillige Unterstützung, die sie unserem Unternehmen haben angedeihen lassen.“

 

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