Serie: Kunst kaputt (1). Die sinnlose Zerstörung des Glaskunstfensters im alten Hallenbad im Jahr 2007.

Im Sommer 2007 herrscht in der Bottroper Innenstadt Abbruchstimmung. Der Umbau des Berliner Platzes zur geplanten „guten Stube Bottrops“ beginnt. Als Erstes wird das 1958 eröffnete Hallenbad platt gemacht. Es soll dem Kaufland-Komplex Platz machen. Bei diesen Abbruch-Arbeiten verschwindet auch der größte Teil des bekannten Glaskunstfensters vom anerkannten Glasmaler Hans Lünenborg im Bauschutt (Fotos oben und unten). Ein Verlust, der seitdem von vielen Kunstexperten überall im Land kopfschüttelnd beklagt wird. Am 2. Januar 2010 beschäftigt sich WAZ-Redakteur Norbert Jänecke in einem Artikel ausführlich mit dieser sinnlosen Zerstörung eines Kunstwerkes mitten in Bottrop. Im Folgenden zitiere ich aus seinem Bericht.

Sein Meer war nicht blau, auch nicht grün. Das Meer des Glasmalers Hans Lünenborg am alten Hallenbad leuchtete in Rot. Gischt schäumte. Sonne spiegelte sich in den Wellen. Auf ihnen tanzten gläserne Perlen wie Wassertropfen. Ein Meer in Rosa und Rot? (Foto unten)

Entartet” – so hatten Faschisten in Nazi-Deutschland auch Lünenborgs Kunst diffamiert. Über sechs Jahrzehnte nach dem Untergang des Hitler-Reichs schlug ein Bagger Lünenborgs Werk beim Abriss des Bades in tausende Scherben. War es Ahnungslosigkeit, war es Gedankenlosigkeit?

Der Anblick schockiert”, meinte Dr. Annette Jansen-Winkeln, nachdem sie Bilder von der Zerstörung des Kunstwerks am Berliner Platz sah. „So darf man nicht mit Kunst umgehen”, kritisiert die Gründerin der Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei in Mönchengladbach. Der Stadt war es nicht nur zu teuer, Lünenborgs gebäudehohe Glasarbeit an anderer Stelle zu rekonstruieren, sie gab nicht einmal das Geld dafür, diese zu erhalten (Foto unten: Fragmente des Fensters mit Rathausturm). „Es ist eine Schande”, sagte die Sprecherin der Stiftung. Auf die Pflege der Bleiverglasung aus Opalglas, Goldoxyden und Goldrosaglas hatte die Stadt ja ohnehin schon kaum Wert gelegt. Kurz vor dem Abriss war die Glasarbeit nur ein Schatten ihrer selbst, viele Glasstücke zerbrochen, die Goldauflage verwittert gewesen. „Nur weil die Kunst aus Glas ist, darf man sie doch nicht zerstören”, bedauerte Annette Jansen-Winkeln, deren Stiftung die Glasmalkunst in der Metropole Ruhr dokumentierte.

Hans Lünenborg, der den Entwurf für das zerstörte Glaskunstwerk am Berliner Platz ausgearbeitet hatte, so berichtet Jänecke weiter, sei durch Vertreter des Expressionismus geprägt gewesen. Der Künstler, der 1990 in Köln starb, gehöre nach Meinung von Kunstkennern zu den Menschen, die die Glasmalerei in Deutschland entscheidend geprägt hätten.

Sein Glasfenster im Bottroper Hallenbad sei für die Öffentlichkeit geschaffen worden. Und deshalb, so zitiert Norbert Jänecke die Vertreterin der Stiftung Glasmalerei, müsste es eigentlich dauerhaft in der Öffentlichkeit bleiben. Und wie sieht das die Kulturverwaltung in Bottrop?

…die Stadt verarbeitete Bruchteile des Kunstwerks zur Wanddekoration, die jetzt im Treppenhaus des Verwaltungstrakts an der Paßstraße hängt (Foto links mit Pfeil, damit man den kläglichen Glaskunst-fenster-Rest im Bottroper Alltag überhaupt findet).

„Einmal zerstört ist für immer zerstört”, befürchtet Angela Jansen-Winkeln und meint: „Wir sollten heute aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und keine Kultur zerstören, die wir noch gar nicht richtig kennengelernt haben”.

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