1981: Karstadt feiert 100 Jahre. In Bottrop ging’s 1892 los.

Bei Karstadt an der Hansastraße ist der Teufel los. Das Bottroper Haus des Konzern erlebt vor  30 Jahren einen Ansturm, wie schon lange nicht mehr – und wie danach wohl auch kaum wieder. Der Grund: Die Warenhauskette feiert ihren 100. Geburtstag. Nicht nur in Bottrop, sondern allgemein.

Vor allem mit Jubiläumsangeboten aus der Unterhaltungselektronik (Ausriss oben: Karstadt-Prospekt, Mai 1981) versucht die Firma zu glänzen. So gibt es Fernsehgeräte mit 63 cm Bildschirmdiagonale für gut 1200 DM (knapp 600 Euro). Und das sogar in bunt – 14 Jahre nach dem Farbfernseh-Start in Deutschland ist das längst noch nicht selbstverständlich. Generell wundert man sich aus heutiger Sicht, wie teuer damals selbst diese Sonderangebote sind. Aber der Preisverfall für TV & Co. hat 1981 noch nicht begonnen.

100 Jahre zuvor sind Radio und Fernsehen noch nicht erfunden und so handelt Rudolf Karstadt 1881 bei der Eröffnung seines ersten Geschäfts in Wismar mit Mode, mit Konfektionsware. Aus diesem Ur-Laden entwickelt sich schnell eine Ladenkette. Allerdings hat das zunächst nichts mit Bottrop zu tun. Warum das so ist, dazu müssen wir im Jahr 1885 in Richtung Münster, nach Dülmen, blicken.

Dort eröffnet zu der Zeit Theodor Althoff ebenfalls ein Geschäft für Mode und Wollwaren. Beide Kaufleute verwirklichen in ihren Läden unabhängig voneinander ein für die damalige Zeit revolutionäres Konzept: Die Preise, die sie verlangen, sind Festpreise, feilschen ist verboten. Außerdem muss bar bezahlt werden. Das bis in die 1960er Jahre vor allem im Lebensmittelhandel so beliebte „Anschreiben“ (Kauf auf Pump) gibt es bei Althoff schon 70 Jahre früher nicht mehr.

Die Idee kommt an: 1887 eröffnet Althoff in Gladbeck seine erste Filiale, in Rheine folgt bald die zweite, und am 25. Mai 1892 beginnt der Verkauf in Filiale Nummer drei in Bottrop an der Hochstraße. Der Laden – er befindet sich etwa da, wo heute Rebbelmund steht – ist allerdings mit nur gut 200 Quadratmetern recht klein.

Erst am 1. Mai 1929 können die Althoff-Kunden beim Einkauf durchatmen: Der Neubau an der Hansastraße (Ausriss links mit einer Anzeige von 1953) wird mit seinen 6000 Quadratmetern an der Stelle der erste großen Schule in Bottrop aus dem Jahr 1837 errichtet. Kommerz statt Kultur? In diesem Fall sicher nicht: Es wird damals eine moderne Schule gebaut. Aber sonst ist dieses Prinzip eine Praxis, die Bottroper Politiker auch später noch gerne verwirklichen. So als 1987 die Schauburg (Kino und Theaterbühne) der Textilkette C&A geopfert wird oder die Rücklagen für einen Theaterbau in ein Gewerbegebiet fließen.

Auf den Tag genau 59 Jahre nach dem Start in Bottrop wird das 1943 durch Bomben zerstörte Althoff-Haus am 25. Mai 1951 an der Hansastraße wieder eröffnet. Auf drei Stockwerken gibt es auf 3000 Quadratmetern Platz für die Wirtschaftswunderwaren. Bald kommen zwei weitere Geschosse hinzu. 1976 wird die Filiale bis zur Hochstraße mit insgesamt nunmehr über 10 000 Quadratmetern erweitert, wofür allerdings fast alle bis dahin erhaltenen alten Fassaden an dieser Straße fallen müssen.

Doch daran denkt im Bottrop des Jahres 1981 kaum noch jemand. Bis zum 15. Mai bestimmt die Schnäppchen- Jagd das Geschehen. In dieser Stimmung kann sich auch niemand vorstellen, dass der Karstadt-Konzern gut 20 Jahre später als Problemfall in die deutsche Wirtschafts-geschichte eingehen wird. Die Marketing-Abteilung in der Essener Konzernzentrale hat vielleicht schon 2005 etwas geahnt, als sie den KSV, den „Karstadt-Schlussverkauf“ (Foto oben), zur Werbekampagne erhebt. Im Interesse der Bottroper Innenstadt und der wenigen verbliebenen Mitarbeiter kann man nur hoffen, dass die Transparente von 2005 nie wieder zum Einsatz kommen.

Ach ja, eine Erklärung fehlt noch: Was haben Althoff und Karstadt miteinander zu tun? Schon 1920 waren beide Firmen zum Karstadt-Konzern verschmolzen. Doch der traditionsreiche Name „Althoff“ bleibt noch bis 1960 an den meisten Filialen hängen. Erst vor rund 50 Jahren werden auch die Bottroper auf „Karstadt“ umgeschult. Aber es gibt heute durchaus ältere Bottroper, die noch zu „Althoff“ gehen.

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