Bottroper Nahverkehr. 1976: Abschied von der Straßenbahn. Die letzte 17 fährt nach Gladbeck.

Fast verschämt und bei stockdunkler Nacht läuft im Herbst 1976 in Bottrop die Geschichte der Straßenbahn aus. Die Linie 17 stellt als letztes an Schienen gebundenes Straßenfahrzeug den Dienst ein. Um Mitternacht fährt die letzte Bahn ein. Die Verbindung zwischen Bottrop und Gladbeck übernimmt die Bus-Linie 59 (seit 1980: 259).

Über drei Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Die Vestische Straßenbahnen GmbH, kurz „Vestische“ genannt, ist seit 1980 Mitglied des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) und feierte 2001 ihr 100-jähriges Bestehen: plakativ, mit Eigenwerbung auf ihren Bussen. Die Straßenbahn-Geschichte Bottrops freilich beginnt nicht mit der Vestischen, sondern 1899 mit der Linie 3 (Foto oben vor 100 Jahren auf der Essener Straße), betrieben vom Vorläufer der  Essener Verkehrs-AG (EVAG). Verbunden werden damals der Pferdemarkt mit dem Hauptbahnhof des großen Nachbarn Essen.

Erst im Mai 1909 tritt die Vestische, die 1899 in Herten mit Pferdebussen begonnen hat, in Bottrop auf den Plan. Damals startet sie die Nahverkehrsverbindung zwischen Bottrop und Gladbeck mit der Linie 19. Bereits ein Jahr später notiert sie in ihrem Jahresbericht eine Schienenstrecke zwischen Bottrop und Gladbeck von 18,1 Kilometern Länge. 13 Triebwagen und 9 Beiwagen fahren 1913 auf dieser Strecke. Vielfach werden Bahnen der Vestischen während des Ersten Weltkrieges auch als Lazarett-Fahrzeuge für den Verwundeten-Transport genutzt. Schon damals sitzen die ersten Frauen an der Kurbel, also der Steuerung der Bahnen. Zu ihnen gehört die Bottroperin Klara Diehl. Lebte sie noch, wäre sie heute weit über 100 Jahre alt.

Überhaupt, was wäre aus der Straßenbahn geworden ohne die Frauen. Sie sorgen dafür, dass die Bottroper auch während des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren danach nach Essen, Gladbeck, Sterkrade, Osterfeld oder Gelsenkirchen gelangen. Damals ist der Schlager von der „lieben kleinen Schaffnerin“ der reine Ohrwurm.

Trittbrettfahrer – ein noch heute gängiger Begriff – gehören in den Jahren 1945 bis 1947 zum gewohnten Bild. Die Wagen sind überfüllt. Mit Mühe drängen sich die Schaffnerinnen durch, verkaufen Fahrscheine, knipsen Wochenkarten ab. Trittbrettfahren war zwar nicht erlaubt, doch die meisten Schaffnerinnen drücken beide Augen zu. Die Straßenbahn ist damals fast das einzige Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen.

Doch zurück zu den Anfangsjahren der Vestischen in Bottrop. Bereits 1912 beschließt der auch für das Dorf Bottrop zuständige Landkreis Recklinghausen eine Erweiterung des Schienennetzes. Es verbindet bald Bottrop-Mitte mit dem Stadtteil Boy. Jahre später folgt die Verbindung mit Prosper II. 1927 nimmt die Vestische eine Dollar-Anleihe auf, um die 4,7 Kilometer lange Verbindung von Bottrop nach Sterkrade zu bauen. Später fährt die Linie 18 vom Bahnhof Gladbeck-Ost über Bottrop nach Osterfeld.

Schon 1909 baut die Vestische in Bottrop an der Gladbecker Straße neben der Gaststätte Kruse ihren Betriebshof (Foto rechts). Genutzt wird er bis 1975. Heute befindet sich dort das Brauhaus Bottich. Zeitweilig ist dort nach Schließung des Betriebshofes – die Bottroper nennen ihn Straßenbahn-Depot – auch das Straßenverkehrsamt untergebracht. Immerhin ist das Depot bis zuletzt Standort von 50 Bussen, die dort auch gewartet werden.

Über ihr längstes Schienennetz verfügt die Vestische 1958. Damals sind es 265 Kilometer. Zwei Jahre später beginnt es zu schrumpfen. Die Straßenbahnlinien werden ersetzt durch Busse. Übrig bleibt 1975 noch die Verbindung nach Gladbeck, nun im Fahrplan als Linie 17  (Foto unten 1973 am Pferdemarkt) geführt.

Übrigens werden die Linien nicht immer durch Ziffern gekennzeichnet. Die Verbindung von Gladbeck über Bottrop nach Osterfeld trägt 1914 als Bezeichnung den Buchstaben A, die Verbindung von Boy über den Pferdemarkt nach Prosper II den Buchstaben C. Vorbei! Die „liebe kleine Schaffnerin“ gibt es schon lange nicht mehr. Eine letzte Straßenbahnerin der Linie 17 wird später als Busfahrerin gesichtet. Im ehemaligen Depot gastieren Jazz-Bands.

Über die Schienen aber rollt in der Nacht vom 27. auf den 28. November 1976 die alte Linie 17 der Vestischen das letzte Mal. Für die „Elektrische“ gehen die Lichter aus.

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