1923: Während der Ruhrbesetzung werden viele Kumpel zu Widerstandskämpfern. Versenkte Kohlekähne blockieren den Kanal.

Im Januar 1923, fünf Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wird das Straßenbild in Bottrop schon wieder von Soldaten bestimmt. Franzosen und Belgier besetzen das Ruhrgebiet. Begründung der Siegermächte: Sie wollen die per Reparationsvertrag festgesetzten Kohlelieferungen kontrollieren. Kohle, die auch auf Bottroper Zechen abgebaut wird.

Schwarz wie Kohle sind auch die Truppen aus dem Senegal, damals französische Kolonie. Für viele Ruhrpottler ist es die erste Begegnung mit dunkelhäutigen Menschen. Mit ihnen freilich verstehen sich die Bottroper Kumpel wesentlich besser als mit den weißen Franzosen. Ein Heer von etwa 100 000 Soldaten ist in die Städte des Ruhrgebiets eingezogen – und die Bevölkerung ist entsetzt.

Doch insgeheim haben die Kumpel in Bottrop, Dortmund, Essen, Bochum, Wetter oder Herten den passiven Widerstand ausgerufen. Sie sind empört. Und nicht nur sie. Nach wenigen Tagen solidarisieren sich Handel, Handwerk und Stadtverwaltung mit der “werktätigen Bevölkerung” (Ausriss oben aus der “Bottroper Volks-Zeitung”/BVZ vom 19. Januar 1923).  Denn der französische Ministerpräsident und Außenminister Raymond Poincaré hat die Besetzung des Ruhrgebiets aufgrund einer geringen Verzögerung bei den deutschen Reparationsleistungen angeordnet. Drei Jahre zuvor war er noch Vorsitzender der Reparationskommission im französischen Senat. Dort setzte er sich rigoros für die Erfüllung des Versailler Vertrages ein. Als absoluter Gegner der Verständigungspolitik eines Aristide Briand provozierte er 1922 dessen Sturz und hatte damit grünes Licht für seine harte Linie.

Den Oberbefehl im ab Januar 1923 besetzten Ruhrgebiet hat der französische General Degoutte. Er verschärft die Vorschriften, um den heimlichen Widerstand der Kumpel zu brechen. Zunächst verhängt er den Belagerungszustand. Es gibt Ausgehverbote. Jeder muss ständig seinen Personalausweis vorweisen können, will er nicht verhaftet werden.

Die Bottroper Bergleute versuchen auf ihre Art, die Reparationen zu hintertreiben. Sie verhindern schlicht und einfach die Kohlelieferungen. Als die Franzosen die Transporte selbst übernehmen, versenken Kumpel in Bottrop bei Nacht sowohl unterhalb des Bottroper Hafens als auch oberhalb jeweils einen Lastkahn. Damit ist der Transportweg per Schiff auf dem Rhein-Herne-Kanal (oben eine Ansichtskarte auch mit französischer Beschriftung) für etliche Wochen blockiert.

Die Franzosen reagieren. General Degoutte droht jedem mit Erschießen, sofern er auf den Brücken, den Schleusen oder an den Wegen der Kanäle angetroffen wird. Die Bevölkerung von Wesel bis Dortmund und vor allem die Püttleute aber lassen sich nicht einschüchtern. Sie verhindern weiterhin Kohletransporte nach Frankreich. Auch, als es den Besetzern nach Wochen langer Arbeit endlich gelungen ist, die versenkten Lastkähne im Bottroper Hafengebiet zu entfernen.

Zwar wird jeder, der gegen die strengen Verordnungen des Generals Degoutte verstößt, vor ein französisches Militärgericht gestellt. Das aber hinderte den Widerstand nicht, weiter erfinderisch zu wirken. Denn kaum ist das Hindernis aus dem Rhein-Herne-Kanal bei Bottrop entfernt, kracht es in Henrichenburg. Dort fliegt die Verbindung zwischen dem Rhein-Herne- und dem Dortmund-Ems-Kanal in die Luft. Die Wassermassen stürzen in die Emscher, fegen mit ihrer Gewalt etliche Holzbrücken weg. Der Kanal-Wasserspiegel sinkt und die Wache schiebenden Franzosen staunen: Das Kanalbett läuft trocken und die Kohlekähne kippen um.

Damit stehen die Besatzer vor einem Problem. Sie sind ihrer eigentlichen Aufgabe, die Kohlelieferungen zu garantieren, schlichtweg beraubt. Für eine ganze Weile ist es nicht möglich, größere Mengen des Schwarzen Goldes aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich zu transportieren. Zwar reagieren die Franzosen mit Verhaftungen, doch können sie den Vorwurf der Sabotage nie beweisen. Die Verhafteten werden wieder aus den Gefängnissen entlassen.

Zweieinhalb Jahre nach ihrem Beginn (unten ein Ausriss aus der BVZ vom 12. Januar 1923) endet die die Besetzung des Ruhrgebiets. Die pfiffigen Kumpel aber haben Widerstand geleistet. Geheim und effektiv.

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