1931: Das Knappschaftskrankenhaus wird eröffnet. Oder: Mit welchem Trick Bottrop Vonderort schluckte.

Foto: Das Knappschaftskrankenhaus 1932.

Jede Stadt braucht manchmal einen Oberbürgermeister von der schlitzohrigen Sorte, um für die Stadt etwas zu erreichen oder gar, um ihre Zukunft zu sichern. Bottrop hat damit in der Vergangenheit stets Glück gehabt: Wenn es um Sein oder Nichtsein ging, war jeweils ein trickreicher OB am Ball. So, als OB Ernst Wilczok die Stadt in den 1970er Jahren durch die wilden Wasser der kommunalen Neuordnung lotste. Ein halbes Jahrhundert zuvor war es Ernst Baur, der erste OB des erst 1919 zur Stadt erhobenen größten preußischen Dorfes namens Bottrop. Durch ihn wurde die erste kommunale Neuordnungsrunde in den 1920er Jahren für Bottrop zu einem großen Erfolg. Und dieser Erfolg ist – so seltsam es zunächst klingt – direkt mit dem Knappschaftskrankenhaus an der Osterfelder Straße verbunden, das am 1. Juni 1931 eröffnet wird. Dieser Tag ist das Ziel unserer heutigen Zeitreise. Und die steckt voller Überraschungen.

Eines der ersten Projekte, das Baur nach seiner Wahl im Jahr 1920 in Angriff nimmt, ist ein zusätzliches Krankenhaus. Das Marienhospital allein reicht für die bald 80 000 Einwohner zählende Stadt nicht mehr aus. 1921 beginnen die ersten Verhandlungen mit Krankenhausträgern und Grundstückseigentümern. Als Träger des zweiten Bottroper Krankenhauses ist schnell die Sozialversicherung der Bergleute ausgeguckt, die sich seit 1924 Ruhrknappschaft nennt und die im Ruhrgebiet schon mehrere Kliniken betreibt. Und damit steht auch schon früh der Name „Knappschaftskrankenhaus“ fest. Auch das Grundstück ist bald gefunden: Graf Droste zu Vischering von Nesselrode Reichenstein verkauft der Knappschaft ein Gelände, das genau auf der Grenze Bottrop-Osterfeld liegt – eben da, wo das Krankenhaus heute steht.

Fotos (oben und unten): Die Umgestaltung der alten Fassade nimmt dem Krankenhaus momentan nach und nach seine architektonische Identität.

Aber da ist doch gar keine Grenze, werden viele Leser einwenden. Heute nicht, heute beginnt Osterfeld und damit Oberhausen erst am Revierpark. Mitte der 1920er Jahre aber gehört der gesamte Stadtteil Vonderort noch zu Osterfeld und Bottrop ist kurz hinter der Kreuzung Osterfelder Straße/Westring zu Ende. Doch die kommunale Neuordnung des Ruhrreviers steht bevor. Und die hat Oberbürgermeister Baur schon im Blick, als der Standort des Krankenhauses geplant wird.

Zur Erläuterung des Zusammenhangs wechseln wir jetzt einmal den Blickwinkel und sehen das ganze Projekt aus Osterfelder Sicht. Dirk Hellmann vom Osterfelder Arbeitskreis Heimatkunde hat dazu im dortigen Heimblatt „Der Kickenberg“ vor einigen Monaten u. a. Folgendes geschrieben: „Die damalige Stadt Osterfeld kämpfte zu Zeiten der Bauplanungen für das (Knappschaftskrankenhaus) um ihr Überleben… Das Vorhaben hatte man bewusst so angelegt, dass es genau auf der damaligen Grenze der Städte Osterfeld und Bottrop errichtet werden musste. Mit diesem Argument konnte die Stadt Bottrop die preußische Landesregierung davon überzeugen, dass eine Grenzkorrektur (bei der Neuordnung von 1919) unumgänglich war. Zudem hatte Bottrop eine Abgeordnete im Landtag in Berlin und damit direkten Zugang zur Landesregierung, die damals im Gegensatz zu heute, in Berlin residierte. Dies war die Zentrums-Abgeordnete Elisabeth Giese. Derselben Partei gehörte auch der damalige Oberbürgermeister von Bottrop, Dr. Erich Baur, an. Insgesamt konnte die Stadt Bottrop die Grenzkorrektur auf 170 Hektar ausweiten, so dass der komplette Stadtteil Vonderort nach Bottrop eingemeindet werden konnte…“

Als das Krankenhaus vor 80 Jahren eingeweiht wird, ist die kommunale Neuordnung mit der deutlichen Handschrift von OB Baur schon seit zwei Jahren Geschichte. Somit liegt das gerade fertiggestellte Krankenhaus nun vollständig in Bottrop, und die Vonderorter versuchen gerade, Bottroper zu werden. Einige sollen das ja bis heute noch nicht geschafft haben, was aber vielleicht dran liegt, dass Vonderort 1929 nicht nur nach Bottrop, sondern auch vom Rheinland nach Westfalen exportiert wird. Dafür haben die Neu-Bottroper jetzt aber auch eines der modernsten Krankenhäuser des Ruhrgebiets gleich um die Ecke.

Der Bau mit seinen fünf Abteilungen (Chirurgie, Nerven, Röntgen, Haut und Desinfektion) scheint auf die Eröffnungsgäste am 1. Juni 1931 imposant zu wirken. So beginnt der offenbar leicht eingeschüchterte Reporter der Bottroper Volkszeitung (BVZ) seinen Bericht im Stil der Zeit mit den Worten: „Wir betreten durch den Haupteingang das Gelände der Anstalt. Breit ausladend in betont ruhigen Linien nimmt der dreiflügelige Gebäudekomplex unseren Blick gefangen… Rechts und links vom Vorplatz postieren sich die Wohnhäuser des Chefarztes und Oberarztes… Der linke Flügel ist als das eigentliche Krankenhaus anzusehen. In den Stationen stehen 300 Betten; hinzu kommen noch rund 55 Betten im Verwaltungsflügel, die für Beamte und Private vorgesehen sind…“

Und noch etwas wird damals nicht nur auf die Eröffnungsgäste, sondern auch auf die ersten Patienten großen Eindruck gemacht haben: Der gesamte Küchenbetrieb ist vollständig elektrifiziert, so dass die modernsten Küchengeräte eingesetzt werden können. Damit das funktioniert hat das RWE – auch das gibt es damals schon – für das Krankenhaus eine eigene Trafostation gebaut. Und irgendwie haben sich bei der Krankenhausplanung die Technik-Freaks auch sonst ausgetobt: Alle Zimmer haben einen Radio-Anschluss! Na und, wird da so mancher sagen. Was ist das Besondere? Ganz einfach: 1931 steckt das Radio noch in seinen Kinderschuhen. Erst seit 1923 gibt es ein regelmäßiges Programm. Radiogeräte finden sich damals nur in wenigen Bottroper Haushalten – aber schon im Krankenhaus.

Foto: Elektrische Küchengeräte, im Knappschaftskrankenhaus schon 1931 Standard, werden in den Haushalten meist erst mit dem “Wirtschaftswunder” nach 1950 heimisch. (AEG-Bild)

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Eine Antwort auf 1931: Das Knappschaftskrankenhaus wird eröffnet. Oder: Mit welchem Trick Bottrop Vonderort schluckte.

  1. schwegi sagt:

    “… und die Vonderorter versuchen gerade, Bottroper zu werden. Einige sollen das ja bis heute noch nicht geschafft haben, was aber vielleicht dran liegt, dass Vonderort 1929 nicht nur nach Bottrop, sondern auch vom Rheinland nach Westfalen exportiert wird.”

    Hört sich lustig an, war aber nicht so. Osterfeld gehörte vor 1929, genauso wie Bottrop, zur Provinz Westfalen. Durch die Gebietsreform von 1929 wurde Osterfeld mit Sterkrade und Alt-Oberhausen zum neuen Stadtkreis Oberhausen im Rheinland vereinigt. Vielleicht wären die Vonderorter lieber rheinische Frohnaturen geworden?

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