Seit 83 Jahren unter Dampf: Die Zentralkokerei Prosper

Die Bottroper Kokerei Prosper gehört seit Anfang Juni zum Stahlhersteller Arcelor-Mittal Bremen. In der Mitteilung zum Verkauf der bisherigen Ruhrkohle-Kokerei hieß es, dass das die Zukunft des Unternehmens langfristig – zumindest drei Jahre über das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018 hinaus – sichern werde. Nun, das wird bei solchen Anlässen meist verkündet. Doch was tatsächlich wird, wenn die notwendige Kohle ab 2018 von weither nach Bottrop transportiert werden muss, kann nur die Zukunft zeigen. Klar ist auf jeden Fall: Mit diesem Verkauf geht eine Ära zu Ende. Die direkte Konzern-Verknüpfung zwischen Bergbau und Kokerei wird gekappt.

Grund genug für eine Zeitreise zu den Anfängen des Bottroper Bergbaus, der zugleich auch der Anfang der Kokereien ist. Dazu geht es 140 Jahre zurück – in das Dorf Bottrop des Jahres 1871. Am 2. Oktober beginnt auf Bottroper Gebiet das Kohle-Zeitalter mit der Abteufe von Prosper II. Das offiziell in Bottrop gern genommene Datum für den Start in die Püttzeit (1856) ist nicht korrekt. Denn Prosper I, die angeblich erste Bottroper Zeche, liegt in Ebel und das gehört beim Prosper-I-Start im Jahr 1856 noch zu Essen und kommt erst 1929 zu Bottrop.

Zu jenem Zeitpunkt, zehn Jahre nach der Stadtwerdung Bottrops 1919, sind hier schon sieben Schachtanlagen tätig. Alle haben zunächst ihre eigenen Kokereien. Doch das ist auf Dauer nicht wirtschaftlich. So beginnen die Prosper-Zechen, die seit 1921 zum Bergbau- und Stahl-Konzern Rheinstahl gehören, 1926 mit dem Bau der Bottroper „Zentralkokerei“, der heutigen Prosper-Kokerei. Sie ist eine von 17 Großkokereien, die zwischen 1925 und 1930 im gesamten Ruhrgebiet entstehen. Dafür werden viele Zechenkokereien dicht gemacht.

1928 geht die Prosper-Zentralkokerei in Betrieb und macht in 180 Öfen pro Jahr eine Million Tonnen Koks. Um 1942 – die Kriegsproduktion der deutschen Wirtschaft läuft auf Hochtouren – sind es 1,8 Millionen Tonnen. Prosper, so heißt es damals, sei damit die größte Kokerei des Ruhrgebiets. Im Februar 1945 geht das Werk im Bombenhagel der Alliierten unter.

Der Wirtschaftswunder-Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg geht zügig voran. Auch die Stadt Bottrop will sich offenbar modern geben und präsentiert sich in der Werbung ab Mitte der 1950er Jahre ganz in Kohlrabenschwarz. Mit einem düsteren Plakat wirbt das Rathaus viele Jahre lang für Bottrop – und wundert sich bis heute darüber, dass es so schwer ist, vom Kohlenpott-Image wegzukommen.

Zu dieser Zeit, 1954, produziert die Kokerei nach Firmenangaben zwei Millionen Tonnen Koks, wie auch heute noch. Doch was so steril wirkt, in den an Zahlen entlang geschriebenen Geschäftsberichten, sieht in der Wirklichkeit durchaus anders aus. Und es riecht auch anders, wie zum Beispiel ein WAZ-Mitarbeiter 1956 berichtet: „Wer einmal bei Südwind über die Prosperstraße an der Zentralkokerei vorbeigegangen ist, mag vielleicht zu eigenartigen Vorstellungen über die Produkte gekommen sein, die in den gigantischen Anlagen mit den aufragenden Schornsteinen erzeugt werden und einen üblen Geruch verbreiten.“

Doch wer nur mal so an der Kokerei vorbeigehen kann und nicht im Bottroper Süden leben muss, der kann die gravierenden Umweltbelastungen in jener Zeit natürlich mit folgendem Satz leicht zur Seite schieben: Ginge der Spaziergänger nämlich, so schreibt der Zeitungsmann weiter, „der Sache aber einmal auf den Grund und informierte sich über das, was hier geschieht, so würde er schnell herausfinden, daß diese Anlage, die zu den modernsten Kokereien auf dem europäischen Festland zählt, wichtiges Glied und entscheidende Grundlage all jener Industriezweige ist, die letzten Endes die westdeutsche Wirtschaftskraft ausmachen“. Doch wer will schon die westdeutsche Wirtschaftskraft durch Kritik an den Umweltbelastungen für den Bottroper Süden schmälern? Und außerdem: Die Kokerei ist seit jeher ein großer Arbeitgeber.

1982 beginnt das Unternehmen nach eigenen Angaben „über eine Neukonzipierung der Anlage – insbesondere unter Berücksichtigung der gestiegenen Anforderungen an den Umweltschutz und die Arbeitsplatzbedingungen – nachzudenken.“ 1985 nehmen die ersten Teile der neuen Kokerei ihre Arbeit auf – wieder als modernste Anlage. Die Investitionen gehen nach Firmenangaben auch in die neue Gasentschwefelungs- und Schwefelsäureanlage sowie in die Gewinnung von Wasserstoff aus Koksofengas und 1998 in eine neue Benzolfabrik.

2005 erhält die Kokerei Prosper die Genehmigung zur Erweiterung der bestehenden Anlage, die bisher jedoch nicht wahrgenommen wurde. Stattdessen, so berichtet die Firma, sei in „erhebliche Verbesserungen im Umweltschutz“ investiert worden. Zum Beispiel wieder in Entstaubungsanlagen.

Und wie sieht die zukünftige Geschichte der Kokerei aus? RAG-Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes: „Uns war auch besonders wichtig, dass alle rund 490 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten. So ist nicht nur die Zukunft der Kokerei am Standort Bottrop, sondern auch die der Arbeitsplätze nach Beendigung des subventionierten Steinkohlenbergbaus Ende 2018 sichergestellt.

Auf der Kokerei Prosper werden laut RAG heute neben Koks auch Gas, Rohbenzol, Teer und Ammoniumsulfat gewonnen. Und so schließt sich der Kreis: Diese Nebenprodukte, die beim Verkokungsprozess anfallen, sind schon seit jeher mindestens genauso wichtig für die Industrie wie der Koks für die Stahlkocher.

Und so schreibt der zuvor zitierte journalistische Kokerei-Besucher schon 1956: Über 585 Millionen Kubikmeter Gas strömten jährlich aus den Koksöfen der Zentralkokerei. Über große Leitungen würden die Riesenöfen der Industrie und die kleinen Gasherde in den Haushalten versorgt. Ob die Hausfrau im Bergischen Land, in Bonn oder in Hannover den Gashahn aufdrehe und ihre Kartoffeln auf die Flamme setze, immer komme dieses Gas von der Ruhr und zum Teil aus der Bottroper Zentralkokerei.

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