Innovation-City: Wie aus der Aufbruchstimmung vor einem Jahr ein riesiger Flop wurde. Bürger nicht mitgenommen. Viele Marketing-Fehler. Selbst Förderer warnt. Eine bittere Bilanz.

Ein strahlender Start vor einem Jahr…


Am 4. November 2010 knallen im Rathaus vermutlich die Sektkorken: Bottrop und sein Oberbürgermeister Bernd Tischler haben es geschafft. Auch bei vielen Bürgern verbreitet sich Aufbruchstimmung. Endlich könnte aus ihrer Stadt, aus dieser grauen Maus an der Emscher, eine Vorzeigestadt werden. Denn Bottrop ist „Innovation-City“. Es soll binnen zehn Jahren zur bundesweit bekannten Niedrig-Energie-Stadt umgebaut werden. 2,5 Milliarden Euro sollen in Bottrop investiert werden. Welch’ eine Chance! Doch jetzt, nur ein Jahr später, ist bei vielen Bottroper Bürgern die Euphorie verflogen. Ernüchterung und Enttäuschung haben sich breit gemacht. „Innovation-City“ ist für viele Menschen zu einem Reizwort, zu einem negativen Begriff geworden. Für die „Macher“ ist das ein Desaster: Sie haben in nur 12 Monaten einen einzigartigen Marketing-Flop hingelegt. Der noch vor einem Jahr positiv besetzte Begriff „Innovation-City“ ist verbrannt und steht für viele Bottroper längst für ein Projekt, das man nicht versteht, von dem man viel zu wenig Konkretes weiß, von dem man sich nichts mehr erwartet und mit dem man nichts zu tun haben will.

„Hör’ mir auf mit Innovation-City! Ich kann das nicht mehr hören!“ Das sind nach nur einem Jahr längst Standardsätze im Bottroper Alltag.

Dass es soweit gekommen ist, hat viele Gründe. Ein Zehntel der Zeit für Innovation-City ist um, aber die Projekt-Verwalter haben sich bisher vor allem mit sich selbst beschäftigt. „Es ist klar, dass wir die Menschen mitnehmen müssen“, sagte vor einem Jahr der damalige Initiativkreis-Moderator und Eon-Chef Wulf Bernotat. Und: „Es ist mein Wunsch, dass auf dem Marktplatz ein Info-Zentrum entsteht, damit sich die Bürger vor Ort informieren können, permanent auf dem Laufenden sind und mitreden können.“

Das ist ein frommer Wunsch geblieben.

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Der Aufbau der Grundstrukturen für das Projekt dauert viel zu lange…


Erst ein Jahr später wurde ein Info-Zentrum fertig. Doch das liegt (fernab von Bernotats Marktplatz) am abseits gelegenen Hauptbahnhof und wird – kein Wunder – kaum angenommen. Ein absehbarer Flop. Als Notlösung sollen nun minimal ausgebildete Hilfskräfte als Vertreter durch die Häuser tingeln, um Innovation-City bekannt zu machen. Sie dürften schnell das Image von Drücker-Kolonnen bekommen – eine weitere Marketing-Pleite zeichnet sich ab.

Gemessen an der Flut von Pressemitteilungen, die seit November 2010 verbreitet wurden, müssten Innovation-City-Details längst bekannter sein. Doch auch das hat nicht geklappt. Die Schwemme von Infos hat eine Übersättigung bewirkt. Man konnte ja zeitweise kaum noch eine Lokalzeitung aufschlagen, ohne die x-te Pressemitteilung zum x-ten Mal vorgesetzt zu bekommen. Dass eine Heizungsfirma die älteste Bottroper Heizung sucht, war wochenlang für die Medien offenbar mit das wichtigste Thema in der Stadt.

Das stumpft ab, das verärgert, das schadet dem Projekt. Für diese Art von Marketing-Fehlern haben die Innovation-City-Verantwortlichen in den vergangenen Monaten reichlich Beispiele geliefert und damit immer mehr Bottroper abgeschreckt.

Hinzu kam, dass die meisten Verlautbarungen in einer Sprache abgefasst sind, die vielleicht in Konferenzräumen unter den ach so wichtigen Event-Machern von PR-Agenturen verstanden wird. Und sie mag dort auch der Selbstdarstellung ihrer ach so kreativen Sprachschöpfer dienen – aber auf dem Bottroper Wochenmarkt kommen die aufgeblasenen Worthülsen nur als das an, was sie sind: ein inhaltsleeres Kauderwelsch.

Selbst wenn man mal etwas versteht, wird auch das schnell zum Rohrkrepierer. Angesichts der leeren Stadtkasse kommt es im Bottroper Bürgeralltag nämlich gar nicht gut an, wenn die Innovationen-City-Manager im Geld offenbar schwimmen. Zuerst sollten für das Projekt 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Dann waren es plötzlich 2,5 Milliarden, dann gar 2,8 Milliarden. Und das in einer Stadt, die Büchereien wegen Kosten von ein paar tausend Euro im Jahr platt macht. In einer Stadt, in der Straßen, Schulen und Grünanlagen zum Teil in miserablem Zustand sind. Längst haben die Bottroper in ihrem Alltag für diese ärgerliche Kluft zwischen hochnäsigem Geldgeklimper und den ärmlichen Zuständen in der Wirklichkeit ein geflügeltes Wort entwickelt: „Büchereien und Schulen sind eben nicht innovation genug. Dafür hat die Stadt kein Geld mehr.“

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Nach nicht einmal einem Jahr beginnt die Fassade zu bröckeln…

 

Völlig sauer sind aber die Bottroper, die so langsam durchschauen, wo die 2,8 Milliarden Euro für Innovation-City herkommen sollen. Vor einem Jahr hieß es in der Presse fast übereinstimmend noch: Das Geld stammt überwiegend aus staatlichen und europäischen Fördertöpfen sowie aus Sachleistungen der im Initiativkreis Ruhr zusammengeschlossenen Unternehmen. Inzwischen stellt sich das völlig anders dar.

42 Millionen sollen von der Stadt Bottrop kommen, 450 Millionen von EU, Bund und Land und 2300 Millionen von den Bottropern und der Industrie. Es sollen vor allem also die hiesigen Hausbesitzer und deren Mieter die Zeche zahlen. Einige zehntausend Euro könnten da – trotz einiger Fördermittel – pro Wohnung zusammenkommen.

Monatelang war das so nicht bekannt, und exakte Summen kann Innovation-City auch nach einem Jahr nicht mal ansatzweise nennen. Jetzt spricht sich dieses Manko in Bottrop langsam herum und sorgt für Ärger. Man fühlt sich hinters Licht geführt – ein weiterer gigantischer Imageschaden für Innovation-City.

Das scheint inzwischen selbst der Projekt-Förderer Bodo Hombach zu ahnen. Quasi zum ersten Geburtstag von Innovation-City warnte er vor wenigen Tagen vor „übertriebenen Hoffnungen“. Und es erscheint wie der erste Schritt zu einem geordneten Rückzug, wenn der derzeitige Initiativkreis-Moderator laut WAZ öffentlich erklärt: „Nichts ist schlimmer als enttäuschte Erwartungen. Und von daher bin ich für eine realistische Besinnung.“ Derzeit sei es nicht sinnvoll, Zahlen zum Finanzierungsvolumen zu nennen. Ein solches Stadium habe Innovation-City noch nicht erreicht.

Da stellt sich die Frage: Waren die 2,8 Milliarden Euro, die 2,5 Milliarden und sogar die nur 1,5 Milliarden besinnungslos aus der Luft gegriffen? Die oben zitierten Hombach-Äußerungen lassen für die Innovation-City-Zukunft nichts Gutes ahnen. Und welches „Stadium“ hat das Projekt denn bis jetzt erreicht, wenn man plötzlich keine Zahlen mehr nennen darf oder soll oder kann oder auch nicht..? Wo bleiben die erläuternden Erklärungen zur Hombach-Rede aus dem Bottroper Rathaus?

Für immer mehr Bottroper, so kann man überall im Alltag hören, ist Innovation-City auch aus anderen Gründen ein rotes Tuch. So sind Anfragen an die Stadtverwaltung schon seit Monaten oft nervig. Wenn überhaupt, gibt es eine Antwort manchmal erst nach mehrmaligem Nachfragen. Zugleich klagen einige Rathaus-Mitarbeiter schon mal über heftige Zusatzarbeit wegen Innovation-City, was ihre regulären Aufgaben erschwere.

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Der strahlende Glanz vom 4. November 2010 ist verblichen…

 

Seltsam ist bei näherem Hinsehen auch der Innovation-City-Spruch „Blauer Himmel. Grüne Stadt.“ Während sich der Oberbürgermeister im Rahmen seiner Innovation-City-Werbung für diesen Slogan stark macht, prügeln seine Genossen im Bauausschuss den Kahlschlag des größten Teils der Allee an der Osterfelder Straße ohne Rücksicht auf Bürgereinsprüche durch. Ziel: Mehr Platz für umweltbelastende Autos. Grüne Stadt? Innovation-City? Selbst die zuständigen Bottroper Spitzenpolitiker scheinen die Innovation-City-Idee bisher nicht so recht verstanden haben.

Um nach einem Jahr möglichst viel Konkretes vorweisen zu können, greifen die Innovation-City-Macher auch schon mal zu Tricks. Obwohl die Fernwärme im Emscherraum bereits seit 50 Jahren Hunderttausende von Wohnungen versorgt, wurde jüngst der Anschluss von einigen Dutzend Wohnungen in Bottrop als Innovation-City-Event gepriesen und mit ausgelutschten Marketing-Gags wie einem ersten Spatenstich aufgehübscht. Bürger mit Durchblick fühlen sich veräppelt. Denn Innovation-City-Manager halten sie offenbar für blöd.

Die Werbeleute schrecken nicht einmal davor zurück, wieder einmal von Leuchtturm-Projekten” zu reden, die natürlich als „Chefsache“ gelten. Vor einem Jahr hatte die Innovation-City-Jury Bottrop übrigens ausdrücklich gelobt, dass die Stadt bei ihrer Bewerbung auf “Leuchtturm-Projekte” verzichtet hatte. Denn Leuchttürme und Chefsachen sind gefährlichen Floskeln, und sie stehen inzwischen für desaströse Reinfälle: Erinnert sei an den Chefsachen-Leuchtturm „Metrorapid“, dessen Start von der NRW-Regierung vor zehn Jahren für 2006 zur Fußball-WM ankündigte worden war. Selbst der später ebenfalls für 2006 angekündigte Rhein-Ruhr-Express (RRX) wird – wenn überhaupt – vielleicht mit 20 Jahren Verspätung rollen.

Aber weshalb aus bekannten Fehlern lernen? In Innova-tion-City sollen die Leuchttürme in Zukunft strahlen. In diesem Zusammenhang überrascht es, dass die Innovation-City-Macher noch nicht auf den Telekom-Turm in Batenbrock gestoßen sind. Mit seiner Höhe von 90 Metern ist er doch geradezu prädestiniert, als Innovation-City-Leuchtturm herzuhalten. Er wurde zwar schon vor 30 Jahren gebaut, aber was macht das schon? Ein kleiner Umbau – und man kann ihn als innovativ anpreisen: Einen Leuchtturm-Aufsatz (oben) für den alten Telekom-Spargel geben die 2,8 Milliarden Euro im Innovation-City-Geldtopf doch sicher her.

Für viele Bürger längst ein sinkendes Projekt. Leider…

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Eine Antwort auf Innovation-City: Wie aus der Aufbruchstimmung vor einem Jahr ein riesiger Flop wurde. Bürger nicht mitgenommen. Viele Marketing-Fehler. Selbst Förderer warnt. Eine bittere Bilanz.

  1. Bobttrop sagt:

    Liest diesen Blog überhaupt jemand. Der Kommentar ist vom 3.11. und ich bin der erste der was dazu schreibt?

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