Nach 60 Jahren: CDU/SPD/FDP machen Bücherei Boy dicht. DKP-Chef Gerber hält bemerkenswerte Klartext-Rede im Rat.

Heute haben die Ratsmitglieder der CDU, der FDP und der SPD (bis auf drei mutige Abweichler) der sowieso angeschlagenen Kultur in Bottrop einen weiteren, dramatischen Tiefschlag versetzt: Nach dem CDUSPDFDP-Willen wird die Bücherei in der Boy nach 60 Jahren dicht gemacht.

Der Chef der DKP-Fraktion, Michael Gerber (links), ging während der Ratssitzung mit den CDUSPDFDP-Politikern hart ins Gericht: „Der Schaden den sie damit anrichten, ist um ein Vielfaches größer als zukünftige finanzielle Einsparungen. Zurück bleibt bei vielen Bürgern Enttäuschung und Wut. Es ist ein schwarzer Tag für die Demokratie und die Chancen-gleichheit. Auch die in Aussicht gestellte Stärkung der Lebendigen Bibliothek wird eine Fiktion bleiben. Wer der Schließung von Bücherei-Zweigstellen heute zustimmt, ist morgen nicht unbedingt ein Garant für eine Stärkung und den Ausbau der Lebendigen Bibliothek im Kulturzentrum und der Bibliothek in Kirchhellen, sondern eher für weitere Kürzungen.“

Ich halte die Rede von Gerber für sehr bemerkenswert und dokumentiere sie hier. Sie geht nicht nur auf die Geschichte der wichtigen Kultureinrichtung ein, sie steht auch für Klartext, der im Bottroper Rat sonst Seltenheitswert hat.

SPD und CDU wollen heute das endgültige Aus der Bücherei-Zweigstelle Boy besiegeln. Nach sechs Jahrzehnten erfolgreicher Bibliotheksarbeit in den Stadtteilen Boy und Welheim wird den Kindern, Schülern und Bürgern ein beliebter Treffpunkt genommen. Den Büchern ihr Ort, an dem in ihnen gestöbert und gelesen werden konnte.

Die Gründung der Bücherei-Zweigstelle Boy 1950 fiel in eine Zeit des Aufbruchs. Die Trümmer des Krieges wurden schneller beseitigt, als der braune Sumpf. Es galt die geistige Hinterlassenschaft des Faschismus aus den Köpfen zu verdrängen.  Gesellschaftlicher Aufbruch und Demokratie gelingen nur wenn Menschen sich bilden, ihre Fähigkeiten ausprobieren und entwickeln können. Dabei sind Bücher ein unverzichtbarer Begleiter und Förderer menschlicher Emanzipation.

Sprach- und Lesekompetenzen sind der Schlüssel für die Persönlichkeitsbildung junger Menschen; das Fundament für Bildung, Beruf und gesellschaftliches Engagement. Dies kann nur gelingen, wenn das Fundament breit und stabil ist. In der Bildungspolitik wird vielfach vom „Haus des Lernens“ gesprochen. Wird jedoch bereits beim Fundament gespart und gestrichen, wird aus dem „Haus des Lernens“ kein Ort des Aufbruches, sondern eine Durchgangsstation in die Arbeitslosigkeit und die Perspektivlosigkeit von Hartz IV. Damit Schüler mit Migrationshintergrund eine Chance erhalten, sind meine Frau und ich Lesepaten eines Schülers der Janusz-Korczak-Gesamtschule geworden.

In dem Sozialbericht von 2009 heißt es: „In den Arbeiterstadtteilen sind die durchschnittlichen Einkommen sehr niedrig, der Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter unterdurchschnittlich, die Arbeitslosigkeit und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften überdurchschnittlich. In besonderem Maße gilt dies für Welheim… Sprach- und Bewegungsstörungen sowie Übergewicht bei Kindern wurden hier überdurchschnittlich häufig registriert.“ (Seite 144)

Mit ihrer interkulturellen Tätigkeit hatte die Bücherei-Zweigstelle Boy neue Wege beschritten. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund fühlen sich hier wohl und kommen gerne. Gemeinsames Basteln, Lesestunden sowie kleinere Veranstaltungen machen den Besuch der Zweigstelle für diese Kinder zu einem Erlebnis. Wenn gewünscht, helfen die Ehrenamtlichen auch bei Hausaufgaben. Diesen Kindern wird mehr genommen als eine interkulturelle Begegnungsstätte.

Mit der Schließung der Bücherei-Zweigstelle wird Kindern aus sogenannten bildungsfernen Familien die Chancengleichheit genommen. Ohne Sprach- und Lesekompetenz gibt es keine Chance auf einen hochwertigen Schulabschluss. Ein Blick auf die Übergangsquoten der Grundschulen im Bottroper Süden auf das Gymnasium zeigt den großen Handlungsbedarf, damit diese Hürden beseitigt und nicht zementiert werden.

Was jetzt als „Ersatz“ für die Bücherei-Zweigstellen geschaffen wird – in diesem Jahr im Eigen, später in der Boy –, mit der stadtteilbezogenen Bibliotheksarbeit ist überhaupt nicht neu. Damit wurde bereits in den siebziger und achtziger Jahren von den Mitarbeiterinnen in den Zweigstellen Eigen und Boy in Kindergärten, Schulen und Seniorenzentren begonnen.

Später, nach etlichen Kürzungen und Sparbeschlüssen, wurden Öffnungszeiten und Personal in den Zweigstellen reduziert. Auch die stadtteilbezogene Bibliotheksarbeit litt darunter. Die hohe Qualität der Arbeit in den Zweigstellen, die Einbeziehung und Förderung der Ehrenamtlichen ist das besondere Verdienst der dort Beschäftigten, Frau Kühlkamp und Frau Kamp-Kalus.

Der Weg zur Lebendigen Bibliothek im Kulturzentrum ist gerade für Kinder sowie ältere Bürger, die bisher die Bücherei-Zweigstelle aufgesucht haben, entweder zu weit und beschwerlich oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu teuer. Dies zeigt jetzt schon die Schließung der Zweigstelle im Eigen. Diese Tendenz wird sich mit der Schließung in der Boy noch verstärken. Im Ergebnis werden mit der Schließung beider Zweigstellen die Zahl der Nutzer sowie die Ausleihzahlen insgesamt weiter zurück gehen.

Es ist eine Mogelpackung, wenn jetzt diese stadtteilbezogene Tätigkeit als etwas völlig neues oder als „Ersatz“ für die Schließung der Zweigstellen dargestellt wird. Bei den künftigen Spardiktaten die uns bevorstehen wird auch diese Bibliotheksarbeit langfristig keinen Bestand haben. Dies wird dann ohne großen öffentlichen Protest geräuschlos abgewickelt. Die stadtteilbezogene Bibliotheksarbeit wird auch nicht auf andere Stadtteile übertragen wie die Verwaltung in Aussicht stellt, da dies als eine weitere zusätzliche sogenannte „freiwillige Leistung“ nicht von der Bezirksregierung genehmigt wird. Obwohl dies jedem im Rat bekannt ist, wird versucht mit dieser Begründung eine Akzeptanz für die Schließung der Zweigstelle in der Bevölkerung zu erreichen.

Das Projekt Innovation City droht zu scheitern, weil die Menschen bisher völlig ungenügend in dieses Vorhaben eingezogen sind. Wenn jetzt im Plangebiet auch noch eine zentrale bürgerschaftliche Einrichtung wie die Bücherei-Zweigstelle schließt, wird die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung weiter abnehmen.

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Herten. Dort steigen die Besucher- und Ausleihzahlen bei einer vergleichbaren Sozialstruktur wie im Bottroper Süden. Herten belegt sowohl in NRW wie auch bundesweit den Spitzenplatz beim Bibliotheksindex. Bei der Hälfte der Einwohnerzahl gegenüber unserer Stadt hat Herten die doppelte Anzahl von jährlichen Ausleihen. Dabei geht es der Stadt Herten finanziell nicht besser als Bottrop. Dort werden jedoch die politischen Prioritäten anders gesetzt.

Trotz großer Proteste aus der Bevölkerung, der Sammlung von 1700 Unterschriften für den Erhalt der Zweigstelle, einer Bürgerversammlung im Schutzengelhaus in der von allen Bürgern, die sich zu Wort gemeldet haben, die Schließung abgelehnt wurde, trotz Leserbriefen und Fernsehbeiträgen, wird dies heute an der Zustimmung von SPD- und CDU-Ratsmitgliedern für die Schließung der Zweigstelle nichts ändern…

Das Gesicht des Widerstandes gegen die Schließung in der Boy war Frau Falkenberger. Sie hätte heute gerne an der Ratssitzung teil genommen. Als Ehrenamtliche ist es ihr jedoch heute wichtiger, als Lesepatin mit den Kindern zu lesen und sich an ihrem letzten Tag von den Kindern zu verabschieden. Frau Falkenberger ist über die heutige Ratsentscheidung zur Schließung der Bücherei-Zweigstelle enttäuscht. Sie hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass sie mit dem heutigen Tag aus Protest ihre bisherige ehrenamtliche Tätigkeit für die Bibliotheksarbeit beendet.

Ich schließe mit einer Mahnung von Prof. Karl Karst, Programmchef der Kulturwelle WDR 3:
„Das Problem besteht in der verloren gegangenen Selbstverständlichkeit, mit der breite Schichten der Bevölkerung noch vor 20 Jahren vom Konzert- oder Theaterbesuch in der Stadt sprachen und sich über die neuste Literatur unterhielten. Kein Politiker, der etwas auf sich hielt, hätte zu dieser Zeit öffentlich über die Schließung von Kultur- und Begegnungsstätten nachgedacht oder sie sogar gefordert. Heute ist es eine Stammtischgaudi, sich lautstark über die Abschaffung von Minderheiten-Einrichtungen zu äußern, die ja eh „keinem nutzen“ und nur „Geld kosten.“ Interkulturelle Begegnungsstätten, multikulturelle Musikzentren, ja sogar städtische Musikschulen bleiben von dieser Parolenpolitik nicht verschont… Kultur ist Bildung – Bildung ist Kultur! Das kann nicht oft genug wiederholt werden. Wer die Kultur reduziert, vermindert die Chance auf gleichberechtigte Bildung, zu der auch die Möglichkeit gehört, sich in ihrer Sprache, in ihrer eigenen Musik, in ihrer eigenen Literatur zu äußern – und sie auch zu verstehen.“

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